Mehr Sportsgeist, bitte!

Der Gedanke, weniger zu bauen, ist vielen Kolleginnen und Kollegen, aber auch Bauwilligen, fremd. Doch es würde sehr viel bewirken, Gedanken über Angemessenheit in die Planung mit einzubeziehen, ganz im Sinne der aktuellen Tendenzen zum Minimalismus. Doch der landläufige Wunsch nach dem großen Haus im Grünen besteht in den meisten Köpfen weiter. Doch wird am Ende auch alles genutzt? Ist es wirklich notwendig? Wir verbrauchen pro Kopf mittlerweile 45 qm Wohnfläche, Tendenz steigend, und damit z.B. dreimal soviel wie die Japaner. Aber leben wir wirklich besser? Oder bringt mehr Fläche auch mehr Aufgaben? Ich denke, dass Planung an sich schon zu suffizienteren Lösungen führt, und am Ende vielleicht auch dazu, unseren Flächenkonsum – auch zu unseren eigenen Gunsten – auf Dauer zu verringern, ohne etwas zu vermissen.

Diese Kolumne ist zuerst in der Bauwelt 03.2016 erschienen:

Mehr Sportgeist, bitte!
Karin Hartmann über die unbequeme Seite der Nachhaltigkeit

Text: Hartmann, Karin, Paderborn

Gegen Ende des Jahres verliert man vor lauter Preisen, Awards und zu gewinnenden Auszeichnungen leicht den Überblick. Im Architekturbereich geht nichts mehr ohne das Etikett „Nachhaltigkeit“, nur wird sie nicht mehr so genannt. Nein, man sucht „Morgenstadt-Ideas“, die Zukunftsstadt und Ideen zum klimagerechten Viertel. Auslober sind keinesfalls nur Bauassoziierte – Teilnehmer nie nur Architekten. Im Zuge des Urbanismustrends reden alle über die Zukunft der Stadt. Jugendliche grübeln über Fantasiestädten aus Styrodur, Bürger werden aufgerufen, Ideen für ihren Kiez einzureichen. Und alle mit Vokabeln, die das  große Thema Nachhaltigkeit auf keinen Fall außen vor lassen.
Genau draufgeschaut bedeutet Nachhaltigkeit ja eigentlich Suffizienz, Effizienz und Konsistenz. Letztere klingen progressiv und wachstumsfördernd, ja zukunftsrelevant. Nur die Suffizienz führt ein stiefmütterliches Dasein. Was soll das heißen, suffizient? Gar nicht mehr bauen, sparsam oder gar weniger? Mit dem erhobenen Zeigefinger konsumieren? Wie humorlos. Bei allem grünen Anstrich der Auszeichnungen und Call for Papers scheint es doch am Ende darum zu gehen, mehr zu produzieren, zu entwickeln und am Ende auch zu verbrauchen. Sparen ist kein Verkaufsschlager.
Dies kritisieren auch Vorreiter der Suffizienz-Diskussion. So setzt sich beispielsweise Harald Welzer als Soziologe für Suffizienz als Bestandteil einer Postwachstumsökonomie ein. Projekte aus dem Bereich Bauen, die als suffizient bezeichnet werden, kommen eher von der Bottom-Up-Ebene, als aus der Feder praktizierender Planer: Urban Gardening, Zwischennutzungen, Selbstausbauhäuser – für den gelernten Architekten-Architekten oft ein (gestalterischer) Graus.
Dabei ist die Suffizienz per definitionem extrem nachhaltig, verbietet sie doch Überflüssiges, fasst zusammen und passt den genauen Bedarf an. Eigenschaften, die eigentlich Verkaufsargumente für eine gute Planung wie für einen gut sitzenden Maßanzug sind, um das Bild vom Architekten als Schneider zu bemühen, der individuelle, wie angegossen passende Lösung nach den Bedürfnissen der Bauherren plant. Da ist noch Luft nach oben.