Mehr Nachbarschaft, bitte!

Bunte Containersiedlungen können nicht das Ziel einer integrierenden Baukultur sein. Eine kluge Analyse verwertbaren Bestands in Verbindung mit Nachverdichtungsplänen würde uns weiterbringen. Dieser Text erschien in einer Variante zuerst in der Bauwelt 44.2015.

Endlich gibt es mit „Refugees Welcome“ eine fachliche Publikation zur Unterbringung von Flüchtlingen. Jörg Friedrich bringt ein Sammelwerk von Szenarien einer menschenwürdigen Unterbringung heraus, entstanden an der Universität Leipzig – versehen mit einem Informationsteil und Bildern vom trostlosen Status Quo der Einrichtungen. Soweit ein erster, ernst zu nehmender Beitrag, dem hoffentlich weitere folgen werden. Landauf, landab werden die Vorschläge vorgestellt und diskutiert. Darüber hinaus ist es um das Thema „Flüchtlingsarchitektur“ in der Branche merkwürdig still.

Dürfen wir angesichts der eklatanten Notlage, gefüttert durch die tägliche Grundsatzdebatte in den Medien, über ein „richtiges“ oder „schönes“ Wohnen überhaupt nachdenken? Das dürfen wir.

Bundesbauministerin Barbara Hendricks reagiert auf den wachsenden Bedarf mit der Ankündigung einer Verdopplung der Zuschüsse für den Sozialen Wohnungsbau auf eine Milliarde Euro. Solide Neubauten sollen die Menschen aufnehmen – ohne dass Standards herabgesetzt werden. Mit Verlaub: neben der klaren Notwendigkeit der Maßnahme in wachsenden Regionen (!): Sollte eine bestmögliche soziale Integration nicht besser in nächster Nachbarschaft stattfinden, und zwar in Gebäuden, die es schon gibt?

Hierfür müssten leere Immobilien erfasst, in Stand gesetzt werden, Brachen erworben, Lücken bebaut werden. Vor allem aber müssten private Leerstände aktiviert, und das kalkulierte Stehen lassen von Wohnungen sanktioniert werden.

Eine dezentrale Lösung zu verfolgen und dementsprechende Rechtsgrundlagen zu schaffen, die das Eigentumsrecht auch nur tangieren, ist (in Deutschland) ungleich aufwendiger und vor allem mühsamer als ein solides Sozialwohnungsbauprogramm, von dem schließlich alle am Bau beteiligten profitieren.

Dabei wäre ein Plan der sukzessiven Nachverdichtung und Nutzung von Bestandsgebäuden gerade in diesen Zeiten integrationsfördernd, und würde die ohnehin nötigen Aufwendungen in die Weiterentwicklung einer zukunftsfähigen, ressourcensparenden Stadt fließen lassen – die Weltklimakonferenz in Paris wirft ihre Schatten voraus. Stattdessen messen wir Klimawandel weiter in Wärmedurchgangskoeffizienten statt in Grauer Energie. Wer baut, der bleibt. Aber hoffentlich keine nagelneuen Sozialwohnungen in der Lausitz.