Baukultur im Ländlichen Raum: Und es geht doch!

Letztens habe ich mir Arnsberg angeschaut, auf der Suche nach dem Geheimnis der erfolgreichen Stadtentwicklung der Stadt an der Ruhr. Daraus ist ein Artikel entstanden, der zuerst in etwas verkürzter Form in der Bauwelt 40.2015 veröffentlicht wurde.

Aufgeräumtes Straßenbild, eine lustige Stadtmöblierung, schöne Freiflächen, anregende Neubauten. Mit einer guten Vernetzung und dem Willen zum Konsens verfolgt Arnsberg seit mehr als 20 Jahren den Weg einer qualitätsvollen Stadtentwicklung. 

Der Neumarkt in Alt-Arnsberg - vormittags!

Der Neumarkt in Alt-Arnsberg – vormittags!

Der ländliche Raum kommt in der jüngeren Zeit selten als Vorzeigestandort für hochwertig gestaltete Lebensräume in die Schlagzeilen. Vielmehr war und ist er Thema von Konferenzen und Förderprogrammen, man sorgt sich um zersiedelte Landstriche ohne Daseinsfürsorge und um Wohngebiete, die nicht mehr voll werden.

Arnsberg ist anders. Die 70.000-Einwohner-Stadt in Südwestfalen punktet schon im zweiten Jahrzehnt durch eine nachhaltige Stadtentwicklung, Baukultur und Kunst. Thomas Vielhaber, Stadtplaner und Planungsdezernent der Stadt Arnsberg versucht über Wettbewerbe, städtebauliche Verfahren und eine offene Beteiligungskultur Qualität in die Stadt zu bringen. „Auch das ist Baukultur – nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Weg dahin.“ so Vielhaber. In Abstimmung mit Bürgermeister Hans-Josef Vogel und der Verwaltung entwickelte er das „Arnsberger Modell Baukultur“. Es vereint eine frühzeitige Bau- und Gestaltungsberatung mit einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit, dazu gibt es seit 2001 einen Beirat für Stadtgestaltung.

Nach einer Phase der Besetzung mit örtlichen Architekten nutzte man Mittel aus dem ExWost-Förderprogramm „Baukultur in der Praxis“ dazu, einen externen Beirat zu installieren. Nach Ablauf des Modellvorhabens erkannte die Stadt den Vorzug der ausgegliederten Leistung und finanzierte ihn daraufhin ab 2012 selbst.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?
In den 90er-Jahren gab Arnsberg ein trostloses Bild ab. Rückgang der Industrie, Defizite bei innerörtlichen Verbindungen, zersiedelte Stadtteile mit Funktionsverlusten in den Zentren. Die schrumpfende Stadt entwickelte sich dezentral über 30 km entlang der Möhne und Ruhr. Angesichts einer rückgängigen Bevölkerungsentwicklung entschlossen sich Verwaltung und Politik im Jahr 2000, ein neues Stadtentwicklungsprogramm zu erarbeiten und die drei größten Stadtteile mit einem klaren Profil zu versehen. Neheim sollte Einkaufsstadt werden, Alt-Arnsberg als Kultur-, Tourismus- und Verwaltungsort gestärkt und Hüsten als Schwerpunkt im Bereich Gesundheit und Sport entwickelt werden. Ziel war es, gegenseitige Kannibalisierungseffekte zu minimieren und durch die Funktionsbündelung ein größeres Angebot in den drei Stadtzentren bereitstellen zu können.

Dieses Stadtentwicklungskonzept wurde Schritt für Schritt umgesetzt. Alt-Arnsberg konzentriert IHK, Landes-Bezirksregierung und Schulbauten in der schönen Altstadt. In Neheim wurde die Fußgängerzone neu gestaltet, einige niedrige Altbauten wichen einer höheren städtischen Bebauung. Für neuralgische Punkte wurden Wettbewerbe und Werkstattverfahren durchgeführt. Die sanierungsbedürftigen Schwimmbäder in den Stadtteilen wurden geschlossen; um Kosten zu sparen und die Sport- und Gesundheitsfunktionen im Stadtteil Hüsten zu konzentrieren, wo neben Gradierwerk und Leichtathletikflächen das große, städtische „Nass“-Bad im neu gestalteten Sport- und Solepark „Grüne Wiese“ entstand. Gleichzeitig versuchte man, durch persönliche Ansprache und viel Öffentlichkeitsarbeit auch private Investoren zu einer größeren Qualität in der Umsetzung ihrer Gebäude zu motivieren.

Ortstermin Alt-Arnsberg. Initialzündung für weitere Entwicklungen war der Umbau des Klosters Wedinghausen. Im 12. Jh. als erste Klostergründung gegenüber dem im 18. Jh. zerstörten Arnsberger Stadtschloss angeordnet bildete es als geistiges Zentrum den Gegenpol zur weltlichen Macht

Als Bestandteil des Masterplans Altstadt bauten die Kölner Architekten Gerhard Kalhöfer und Stefan Korschidgen 2003 den barocken Dachstuhl zum Stadtarchiv aus und errichteten ein Glashaus im Innenhof des Ensembles. Sie entschieden sich gegen die Rekonstruktion des zerstörten Südflügels und definierten den Klosterhof neu. Neben dem „Lichthaus“ entstand ein „Gartenzimmer“, ein öffentlicher kleiner Garten, der zum Verweilen einlädt. Die Freiraumgestaltung wurde im Rahmen des Landeswettbewerbs „Stadt macht Platz – NRW macht Plätze“ 2003 ausgezeichnet und konnte durch die anschließende Förderung umgesetzt werden. In Verbindung mit dem danebenliegenden Gymnasium entstand ein lebendiger Ort mitten in der historischen Altstadt.

In der unter der Leitung von Karl Friedrich Schinkel konzipierten klassizistischen Stadterweiterung auf dem nahe gelegenen Neumarkt sitzen Schüler und Passanten auf breiten Stadtsesseln und genießen das freie WLAN. Rückseitig der gut erhaltenen klassizistischen Straßenhäuser fanden sich einst die Bürgergärten mit hübschen Lauben, deren Zweck es war, als „grüne Refugien der Freude, Schönheit und Erbauung“ zu dienen. Zwei Gartenhäuser konnte die Stadt 2005 erwerben und renovieren, als kleiner öffentlicher Park sind die Parzellen zur Ruhr nun zugänglich. Für die Bürgergärten erhielt Arnsberg 2012 den Nationalen Preis für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur.

Ortstermin Ruhr. Die Ruhr, das verbindende Band der Stadt, war bis vor zehn Jahren verbaut, kanalisiert und der Stadt abgewandt, in der Stadt hieß es „Arnberg hat die Ruhr versteckt“. 2004 entstand die Idee der Ruhrrenaturierung und mit ihr der Masterplan Ruhr, der zum Ziel hatte, den Fluss nicht nur unter ökologischen Aspekten zu renaturieren, sondern ihn auch zugänglich und erlebbar zu machen. Neben dem Einsatz von EU- Fördermitteln entwickelte die Arnsberger Verwaltung aus den obligatorischen Ausgleichsflächen bei Neubebauungen ein System der Umrechnung von Ökopunkten auf Flussrenaturierungsflächen – eine Bewertung, die bei dem Land NRW als Vorlage diente, auf diesem Weg weitere Renaturierungen zu ermöglichen. Heute bildet die Ruhr eine grüne Verbindung entlang der Stadtteile – durch die Anbindung an den Ruhrtalradweg ist ein attraktives Naherholungsgebiet erstanden.

Ortstermin in Arnsberg-Neheim. Das Angebot der Einkaufsstadt Neheim geht heute weit über das standardisierte Einzelhandelsangebot hinaus und kommt ohne Shoppingmall aus. Fachhandel und Spezialangebote bieten einen echten Funktionsmix, von dem manche verwaiste Mittelstadt nur träumen kann.

Arnsberg ist ein Vorbild für schrumpfende Mittelstädte, die mühsam versuchen, ihre Stadt, über die Erschließung neuer Bau- und Gewerbegebiete und leider oft zu Lasten ihrer Innenstädte zu entwickeln. Der lange Atem der Beteiligten hat sich gelohnt – das Ergebnis sieht man der Stadt an.

Natürlich gibt es auch Abstriche in der Qualität der Ausführung – nicht jeder Investor lässt sich begeistern, manche Standorte werden politisch entschieden. Bei der Größe einer Stadt wie Arnsberg kann Baukultur nur im Prozess und mit der Bevölkerung und allen Beteiligten gelingen. Im Ergebnis entsteht nicht immer Hochkultur. Aber ist das nicht besser, als nur Leuchttürme zu bauen?