Lacaton Vassal oder lieber Jeff Koons?

Vorvergangenen Donnerstag waren Ulrich Brinkmann und Jörg Leeser zu Gast  im ArchitekturGespräch Königsplätze – in einer von mir moderierten Podiumsdiskussion äußerten sie sich gemeinsam mit Andreas Nolte, Avila Dietrich und Claudia Warnecke über den zur Zeit spannendsten Ort in Paderborn: die Königsplätze.

Volles Haus im Kulturraum Zwischenstand.

Volles Haus im Kulturraum Zwischenstand. | Foto: ©Lea Giesen

 

Leeser und Brinkmann, doch kann man sagen versierte Fachleute in ihrem Bereich, hatten einen sehr unterschiedlichen Zugang zum Thema. Ulrich Brinkmann, als Paderborner mit Leid und Zuspruch der Königsplätze aufgewachsen, ehemaliger Plattenkäufer im Sound Vision und DANY, dem Ort trotz langer Jahre als Redakteur der Bauwelt in Berlin verbunden. Und Jörg Leeser, Büro BeL aus Köln, der die Plätze exakt eine Stunde vor der Diskussion zum ersten Mal sah. Beide gaben ihr Feedback zur Situation und Empfehlungen für die Zukunft.

Auch zu meinem eigenen Erstaunen gab es kein Plädoyer zu einem einheitlichen Leitbild, auch nicht zu einem Ensembleschutz oder weiteren übergreifenden Maßnahmen. Die angesprochenen Ansätze zum Umgang mit dem Komplex entsprachen eher minimal-invasiven Eingriffen, einem vorsichtigen Vorgehen unter der Beteiligung von externen Architekten und Künstlern, die mit dieser Größenordnung etwas anfangen können, und mit geringem Aufwand viel bewirken könnten.

Klingt wie zaubern? Ist es nicht. Die vorgeschlagene Installation von Jeff Koons in der Zentralstation – warum nicht? Ein Künstler von seinem Format würde mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere Atmosphäre erzeugen, als es mit Wände streichen, sauber machen und etwas Graffiti in dem Busbahnhof zur Zeit möglich ist. Die ins Spiel gebrachten Architekten Lacaton & Vassal überzeugen seit einigen Jahren durch kostengünstige Sanierungen und Konzepte, die Altbauten mit wenigen Mitteln neue Funktionen hinzuzufügen und dabei genau schauen, was am Ort eigentlich nötig ist,  und was nicht. Damit entwickeln sie besonders nachhaltige Konzepte, die so weit es geht mit dem Bestand arbeiten und damit z.T. Neubauten überflüssig machen. Eine innovative Herangehensweise, die angesichts der wachsenden Anzahl von Bestandsimmobilien in unserem (Bundes)Land hoffentlich unter den KollegInnen zur Nachahmung anregt.

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Foto: ©Lea Giesen

So entsprach der Tenor der Veranstaltung der Prozesskultur, die zunehmende Praxis wird bei komplexen Planungsverfahren, und zwar nicht als Top-Down-Strategie, sondern eher unter Einbeziehung der partizipativen Kräfte, die ohnehin schon da sind, die sich dementsprechend gut vernetzen, und der Tatsache geschuldet, dass die Königsplätze weit mehr als einer Handvoll Eigentümer gehören – eine Situation, die selbst in der lokalen Diskussion oft nicht oder zu wenig betrachtet wird. Avila Dietrich brachte diesen Aspekt unter Erweiterung des Kreises auf Beteiligte, Anrainer und am Ende die Bürger und Bürgerinnen der Stadt am deutlichsten ein – vielleicht gehört dieser breite partizipative Ansatz im Studium heute bereits zur Planungsgrundlage (während man sich in Paderborn und andernorts vielleicht noch an neue Beteiligungs- und Wahrnehmungsformen gewöhnen muss).

Fazit: Paderborn kann beides gebrauchen, externes Fachwissen gepaart mit der Möglichkeit zur öffentlichen Diskussion – Anlässe und Themen gibt es bei der Menge städtischer Bauvorhaben und Themen zur Zeit so viel wie nie in der Stadt. Auch ein interessiertes Publikum aller Altersstufen ist vorhanden – und kommt.

Der Abend zeigte, dass das alte Argument, nur die Locals kennen die wirklichen Beweggründe vor Ort, nicht mehr funktioniert. Der spielerische Ansatz eines Jörg Leeser, der den problembehafteten Ort Königsplätze erst kurze Zeit kennt, ist äußerst hilfreich für den Gesamtprozess, liefert er doch mit einer Unbefangenheit neue Ideen, die man mit allem Hintergrundwissen vielleicht nicht mehr in Betracht ziehen würde. Diese spielerische Leichtigkeit tut gut – hoffentlich wird es noch mehr derlei Einblicke während der Weiterentwicklung der aktuellen Paderborner Themen geben.

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v.l.n.r. Karin Hartmann, Claudia Warnecke, Jörg Leeser, Ulrich Brinkmann, Avila Dietrich, Andreas Nolte | Foto: ©Lea Giesen

 

 

Presseberichte zum ArchitekturGespräch finden sich hier.