Interview: Ulrich Brinkmann über Stadtentwicklung und Architektur in Paderborn

Ulrich Brinkmann | Foto: Udo Meinel, Berlin

Ulrich Brinkmann | Foto: Udo Meinel, Berlin

Ulrich Brinkmann, geboren 1970 in Paderborn, hat Architektur an der Universität (heute TU) Dortmund studiert.  Seit 1999 ist er Redakteur der Bauwelt in Berlin. 2015 war er Villa-Serpentara-Stipendiat der Akademie der Künste Berlin in Olevano Romano/IT. Im Interview wirft er einen Blick auf seine Heimatstadt und gibt ein Statement zu stadträumlichen Qualitäten, aktuellen Entwicklungen an den Königsplätzen und zum Umgang mit der Nachkriegsarchitektur.

Ulrich Brinkmann ist am 24.09.2015 gemeinsam mit Prof. Jörg Leeser, Avila Dietrich und Andreas Nolte zu Gast beim ArchitekturGespräch Königsplätze, einer Kooperation der Stadt Paderborn und der Initiative Baukultur, Paderborn im Kulturraum Zwischenstand, Westernmauer 12-16, 33098 Paderborn, 19:00 Uhr.

Herr Brinkmann, Sie sind seit fast 16 Jahren Redakteur der Bauwelt in Berlin, Sie sind Architekt und in Paderborn aufgewachsen. Wie sehen Sie heute auf Ihre Heimatstadt?

Mein Blick ist milder geworden mit dem Abstand. Je länger ich nicht mehr hier bin, desto mehr lerne ich zu schätzen, was die Stadt zu bieten hat: ein kompaktes Zentrum, wo es auf relativ wenig Fläche doch eine gewisse Bandbreite an Angeboten gibt – nehmen Sie nur das Nebeneinander von so einer Fläche wie dem Paderquellgebiet, ein wirklich hochwertiger Erholungsraum in der Stadt, dem Einkaufszentrum in der Westernstraße und den Verwaltungseinrichtungen am Abdinghof. Diese Mischung ist in Paderborn noch vergleichsweise gesund und lebendig. Gleichwohl gibt es natürlich auch Stellen, an denen man weiter arbeiten kann.

Können Sie denn sagen, dass Ihre persönliche berufliche Weiterentwicklung den Blick auf Paderborn verändert hat?

Insofern als ich als Redakteur der Bauwelt viel reise, in Deutschland, aber auch in Europa, und in vielen Städten mit Entwicklungen konfrontiert werde, die es auch in Paderborn gibt. Über den Vergleich kann ich meine Heimatstadt heute besser einordnen als mir das früher möglich war.

Im Januar 2012 gab es in der Bauwelt ein Heft mit dem Titel „9x Heimat – Bauwelt-Redakteure thematisieren architektonische Besonderheiten der Städte ihrer Kindheit“. Sie haben hier die Königsplätze ins Visier genommen und den Artikel Paderborn Königsplatz* verfasst. Warum die Königsplätze?

Weil die Königsplätze der Ort in der Innenstadt ist, der im Moment am meisten Aufmerksamkeit braucht. Weil er am sichtbarsten Probleme hat, aber weil er auch Chancen bietet. Und weil im Moment die Architektur der 70er Jahre vor dem Generationensprung steht. Sie ist als baugeschichtlich relevant noch nicht so anerkannt, wie es inzwischen die 50er-Jahre-Architektur ist. Die 70er, das ist im Moment noch ein No-Go. Die Gebäude sind noch nicht historisch genug, als dass sie als etwas Besonderes wahrgenommen werden, sie sind jetzt aber schon so lange in Nutzung, dass sie teilweise Folgenutzungen brauchen, Veränderungen benötigen, weil sich bestimmte Rahmenbedingungen seit ihrer Entstehungszeit verändert haben. Und sie sind jetzt nach 40 Jahren oft auch einfach sanierungsbedürftig. Von daher, denke ich, bündeln sich an den Königsplätzen gerade eine ganze Menge von Aspekten, die es interessant machen, sich mit diesem Ort zu beschäftigen.

Hat das Ensemble Königsplätze aus Ihrer Sicht einen besonderen architektonischen Charme, gerade im Vergleich mit anderen Großprojekten ähnlicher Art in Deutschland oder vielleicht auch in Europa?

Auf der lokalen Ebene ordnen sich die Königsplätze ein in den Prozess der Großstadtwerdung. 1975 war es, dass Paderborn die 100.000er Einwohnergrenze überschritt, durch Eingemeindungen, natürliches Wachstum und durch die Neugründung der Universität drei Jahre zuvor. In diesem Zuge der Großstadtwerdung gab es eine ganze Reihe von Bauvorhaben, die die Stadt sehr verändert haben und bis heute prägen. Das Diözesanmuseum von Gottfried Böhm: großer Architekt, prominent, wichtig, auch eine hochinteressante Architektur, wenngleich von der Stadtbevölkerung nicht sehr geliebt und durch den Umbau vor 25 Jahren nicht mehr im vollen Umfang erkennbar. Die Paderhalle von Hardt-Walter Hämer, ebenfalls ein großer Architekt, weniger durch seine Bauten bekannt als durch sein Engagement in der Altbauerhaltung in Berlin Kreuzberg als Direktor der IBA-Alt (Internationale Bauausstellung in Berlin, 1977-1987). Auch die Stadtbibliothek an den Paderquellen mit dieser in den ausgebrannten barocken Palast hineingestellten Stahl- und Glaskonstruktion ist eine bemerkenswerte und für ihre Zeit typische Architektur. Dann auf der anderen Seite des Maspernplatzes die Schwimmoper und das Berufsschulzentrum. Wenn man sich vergegenwärtigt, was damals in wenigen Jahren in Paderborn an öffentlichen Gebäuden entstanden ist – das war wirklich eine ganze Menge. Parallel dann die Sanierung im Stadtzentrum mit dem Sanierungsgebiet Königsplatz. Eine gewaltige Investition mit Busbahnhof, Tiefgarage und darüber einem gemischten Ensemble aus Wohnen, Arztpraxen, Gewerbe, Gastronomie. Also eigentlich ein sehr dichter Funktions-Mix, der in dieser Dichte durchaus dem Vergleich standhält mit anderen innerstädtischen Sanierungsmaßnahmen der damaligen Zeit in Deutschland. Man wird eine ganze Menge von solchen Projekten finden, die alle so ein bisschen vor dem Hintergrund eines Zurück in die Stadt entstanden sind, einer Wiederentdeckung städtischer Vielfalt. Das Kröpcke-Center in Hannover war so ein Beispiel, schon wieder abgerissen, oder das Ihmezentrum, auch in Hannover. Architektonisch sind die Königsplätze zwar nicht so hochwertig wie die Paderhalle oder das Diözesanmuseum, aber sie bilden in den gestalteten wie auch in den ungestalteten Bereichen ein sehr zeittypisches Ensemble. Wenn man anfängt, das zu verändern, würde ich dafür plädieren, dass man es zwar nicht mit Seidenhandschuhen anfassen muss, aber vielleicht zumindest eher mit dem Seziermesser heran geht als mit dem Holzhammer. Eine tabula rasa wäre, glaube ich, der falsche Ansatz.

Sie sagten gerade, das Kröpcke-Center in Hannover sei bereits wieder abgerissen. Das würde sich vielleicht der eine oder andere Paderborner für die Königsplätze auch wünschen, genauso wie für das Diözesan-Museum. Die Königsplätze gehören aber nun ca. 60 Eigentümern, damit ist es nicht so leicht, so einen Entschluss durchzusetzen. Gleichwohl ist es kein einfaches Unterfangen, eine einheitliche Gestaltung zumindest der öffentlichen Flächen zu verwirklichen. Sehen Sie das als Nachteil?

Es ist eine Realität, mit der man umgehen muss. Ein kleinteiliger Eigentums-Mix macht manches schwieriger. So ein Prozess muss organisiert werden, da müssen vielleicht auch mehrere Alternativen auf dem Tisch liegen, so dass man sich auf eine Lösung einigen kann. Ein solcher Prozess ist aber am Ende eine gute Grundlage, um dieses Quartier für die nächsten Jahrzehnte stabil zu halten. Und man hat den großen Vorteil, wenn einer ausfällt, dann wird er aufgefangen in diesem Netz aus Eigentumslagen und Interessenbefindlichkeiten. Das ganze Projekt ist nicht so schnell gefährdet wie eines mit nur einem Eigentümer, der vielleicht nicht vor Ort ist. Dort würden vielleicht zunächst Entscheidungen schneller getroffen und umgesetzt, aber möglicherweise gäbe es kein so großes Interesse am Ort selbst und seiner langfristigen Stabilität. Mit einer kleinteiligen Eigentümerstruktur steht man zumindest Menschen gegenüber, die sich für den Ort grundsätzlich zu engagieren bereit finden und getroffene Entscheidungen auch mittragen müssten. Ich sehe das eher als Chance.

Der 2012 entschiedene Wettbewerb für die Umgestaltung der öffentlichen Flächen wird diesen Herbst, 2015, umgesetzt durch das Hamburger Büro Breimann und Bruun. Sehen Sie jetzt eine Chance, dass die Königsplätze durch die Neugestaltung, zumindest der öffentlichen Flächen – also damit ist ja an den Fassaden der sich in Privateigentum befindenden Gebäude noch nichts passiert – selbstverständlich oder selbstverständlicher in die Innenstadt integriert werden?

Die große Herausforderung bei der Weiterentwicklung der Königsplätze liegt vor allem in der Verknüpfung mit den angrenzenden Gebieten der Stadt. Zur Westernstraße hin ist das relativ unproblematisch, das ist niveaugleich, da gibt es mehrere Durchgänge oder Gassen, die dorthin führen. Ein bisschen schwieriger sieht es auf der Nordseite aus, hin zum Paderquellgebiet an der Marienstraße, wo es dieses Gefälle gibt und sich, wenn man vom Paderquellgebiet aus, plötzlich so eine Eiger-Nordwand aus Beton und Backstein auftürmt. Die Erschließung dieser „Wand“ ist in den 70er Jahren mit relativ engen Treppenanlagen gelöst worden, teilweise auch mit Rampen in der Königsstraße. Die sollen jetzt teilweise verschwinden. Das ist sicher eine gute Entscheidung, um die Königsstraße wieder als Straßenraum erlebbar zu machen und als Verbindung aus der Westernstraße nach Norden hin ins Paderquellgebiet. Die Königstraße war schließlich mal eine der bedeutendsten Straßen im Stadtgrundriss: Wenn die Fürstbischöfe von Schloss Neuhaus durch das Neuhäuser Tor kamen, sind sie die Königsstraße hochgefahren und dann in die Westernstraße zum Rathaus und Dom. Da es die Marienstraße noch nicht gab, war das sozusagen eine Art via triumphalis im Paderborner Stadtgefüge. Diese Bedeutung ist seit der Sanierung der 70er Jahre nicht mehr zu ahnen, von daher ist der Abbruch dieser Rampen- und Treppenanlagen zur Freilegung der Königstraße aus meiner Sicht richtig. Trotzdem stellt sich die Frage: Wie komme ich vom Paderquellgebiet und aus der nördlichen Königsstraße hinauf zu den Königsplätzen? Das wird die große Herausforderung dieses Projektes sein, denn so viel Platz steht nicht zur Verfügung.

Ich möchte gerne den Bogen schlagen zur Paderborner Nachkriegsarchitektur. Am Liboriberg wurden im letzten Jahr zwei schmucke, bis zuletzt vollständig genutzte Gebäude aus den 50er Jahren abgerissen, zwei dieser 50er Jahre Stadtvillen mit dezentem Fassadenschmuck. Sie mussten weichen, weil der Eigentümer lieber ein lukrativeres, mehrgeschossiges Geschäftshaus errichten wollte. Auf der anderen Seite veranstaltete der LWL mit der Stadt Paderborn im März 2014 die bundesweit ausgerichtete Wiederaufbautagung „Eine Stadt entsteht“, in der Planungskonzepte nach 1945 vorgestellt wurden. Hier wurde die Wiederaufbau-Leistung der Stadt im Vergleich mit anderen zerstörten Städten thematisiert und ausdrücklich gewürdigt. In Paderborn ist es besonders gut gelungen, die Stadt zwar auf altem Grundriss, aber mit der zeitgemäßen Architektursprache der 50er Jahre wieder aufzubauen. Erscheint Ihnen die 50er Jahre Architektur in Paderborn heute noch als besonders stadtbildprägend?

Das ist sie schlicht schon aufgrund ihrer Masse. Es gibt ganze Straßenzüge, die noch heute diese Substanz zeigen. Wenn man vom Hotel Arosa nach Norden geht, das ist ja fast alles 50er Jahre, dieses ganze Quartier, auch in der östlichen Innenstadt gibt es da noch einige Straßenzüge, aber auch in den unmittelbar an die Altstadt angrenzenden Arealen in der Südstadt und im Riemekeviertel. Die fast vollständige Zerstörung der Stadt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und der dann relativ schnelle Wiederaufbau, bevor die Moderne aus den USA zurückkam und dann die autogerechte und aufgelockerte Stadt das Leitbild wurde, hat dazu geführt, dass die Nachkriegsarchitektur das Stadtbild nach wie vor prägt. Was mich immer etwas traurig stimmt, ist, dass sie lange Zeit in Paderborn offenbar nicht als ein besonderer Schatz begriffen worden sind, dem auch mit einer gewissen Sorgfalt bei Sanierungen entgegenzukommen wäre. Schlimmstes Beispiel: Stadtverwaltung und städtische Galerie am Abdinghof – dieses Ensemble ist geradezu hingerichtet worden durch die Sanierungsmaßnahmen in den 90er Jahren. Gerade in dieser herausragenden Lage oberhalb des Paderquellgebiets eine vollkommen unverständliche Herangehensweise mit dieser Mauer, die vor die Glasfassade gestellt wurde, nur um ein paar Quadratmeter Fläche zu gewinnen. Der Austausch der wundervoll filigranen Fensterprofile durch eine grob profilierte Isolierfensterfassade. Ein besonders trauriges Beispiel dafür, wie ein Gebäude, welches wirklich schön und sorgfältig gestaltet war, in seinen Details zerstört worden ist. Die Wirkung der 50er Jahre Architektur beruht aber ganz wesentlich auf der Qualität dieser Details; auf Farben, Materialien, Profilen; auf Elementen, die vielfach noch handwerklich gearbeitet waren und allein darüber schon den Gebäuden einen gewissen Glamour gaben, den heutige Produkte, die in der Bauindustrie benutzt werden, eben gar nicht mehr zu verströmen in der Lage sind. Deswegen: Ja, die 50er Jahre sind noch immer prägend in der Stadt, aber sie bräuchten deutlich mehr Bewusstsein bei ihrer Weiterentwicklung im Detail.

Meines Wissens stehen in Paderborn nur ganz vereinzelt Gebäude der 50er Jahre unter Denkmalschutz. Der Abriss der Gebäude am Liboriberg war einfach ein Ersatz aus ökonomischen Gründen, wo sich die Frage nach Details und ihrem Umgang damit gar nicht mehr stellt. Während der Wert der 50er Jahre Architektur auf Bundesebene längst anerkannt ist, man Ensembles unter Denkmalschutz stellt, etc. ist das in Paderborn noch kein selbstverständliches Thema, das Diskussionen auslöst.

Man muss sich jedes Gebäude genau anschauen und vor einem Abriss überlegen, ob man es nicht irgendwie anders in die Zukunft bringen kann, und sei es durch einen Anbau oder durch eine Aufstockung. Ich würde dafür plädieren – egal, ob man an der 70er Jahre Architektur der Königsplätze arbeitet oder an der 50er Jahre Architektur – unabhängig vom Denkmalschutz jedes Gebäude erstmal wie ein Baudenkmal anzufassen, sprich vorsichtig, und zu fragen: Müssen wir das wirklich abreißen, und ist das, was danach kommt, besser, als das, was da schon steht? Das ist nämlich oft leider nicht so. Man wird im Einzelfall möglicherweise auch dazu kommen, dass man es abreißt, weil man eine höhere Dichte haben will, die ich mir hier in der Stadt in einigen Bereichen auch grundsätzlich vorstellen kann, etwa am Wallring oder an den Ausfallstraßen. Ein schlecht sanierter 50er Jahre Bau hat eben auch keine große Qualität mehr, wenn all diese Details, die ich eben aufgezählt habe, erst einmal zerstört sind. Wenn eine thermische Sanierung stattgefunden hat und der schöne Putz der 50er Jahre verschwunden ist, die alten Fenster sind weg, die Kunststoffprofile und die Baumarkttüren sind drin – da ist mir dann fast ein Abriss lieber.

Was ist Ihre Vision für eine architektonisch und stadträumlich weiter entwickelte Stadt Paderborn in 20 oder in 50 Jahren?

Ich hoffe, dass die Innenstadt weiterhin verschont bleibt von großflächigen Einzelhandelsentwicklungen. Es gibt inzwischen viele Städte dieser Größenordnung, die gehofft haben, mit Shopping Malls ihre Situation verbessern zu können. Das ist fast immer schief gegangen, und ich fürchte, dass solch ein Projekt auch hier in Paderborn nicht viel Heil mit sich brächte. Ich hoffe, dass auch keine weitere Suburbanisierung durch Einzelhandelsentwicklungen am Stadtrand passiert, da ist schon viel zu viel genehmigt worden in den letzten 40 Jahren, angefangen mit dem Südring bis hin zu den Gewerbegebieten am östlichen Stadtrand. Ich hoffe, dass es neben der Kleinteiligkeit von Nutzungen weiterhin auch die Innenstadt als Wohnort geben wird, möglichst auch mit neuen Entwicklungen. Die Innenstadt als Wohnort zu profilieren, ist hier in Paderborn vielleicht noch ein weiter Weg, der auch einen gewissen Bewusstseinswandel erfordert. Im Zentrum ist es eben ein bisschen lauter als im Einfamilienhaus auf dem Kaukenberg, aber es bieten sich dafür eben andere Qualitäten, die sich mit dem absehbaren Wandel unserer gesellschaftlichen Struktur vermutlich als Vorteil herausstellen werden. Noch mal: Kleinteiligkeit der Eigentümerstruktur, Vielfalt der Nutzung, eine gelungene Weiterentwicklung der Königsplätze wäre schön, in 20 Jahren bestaunen zu dürfen, und dabei die Zeitschicht der 70er Jahre, die Großstadtwerdung der Stadt, immer noch ablesen zu können. Vielleicht ist es dann auch gelungen, die düsteren Räume auf der West- und Nordseite dieses Ensembles aufzuwerten, wieder zu städtischen Fassaden werden zu lassen, zu Räumen mit Verweilqualität zu entwickeln. Und ich würde mir wünschen, dass man in den 20 Jahren, die Sie gerade angesprochen haben, gelernt hat, mit guten architektonischen Leistungen unserer Vorväter umzugehen, im Detail ihre Qualität zu erhalten, zu bewahren und behutsam weiterzuentwickeln, ebenso wie man dann hoffentlich allgemein gelernt hat, dass bei Neubauten Architekturqualität notwendig und wünschenswert ist, um das Stadtbild weiterzuentwickeln und um zumindest an die Leistungen der 70er und der 50er Jahre anschließen zu können und möglicherweise diese noch zu übertreffen.

2013 waren die Stadtdenker zu Besuch in Paderborn, ihre Sicht auf die Stadt haben sie in dem Buch Stadtdenker; Ein Spielraum für urbane Entdeckungen dokumentiert. Turit Fröbe vertritt diesen fast radikalen Ansatz die Bausünden nicht schlecht zu reden oder abreißen zu wollen, sondern sie einfach, „lieben zu lernen“ und mit ihnen umzugehen. Können Sie diesem Ansatz zustimmen?

Ich finde den Ansatz bemerkenswert, denn Bausünden gelten ja in der Öffentlichkeit immer als Schandfleck, der möglichst schnell getilgt werden muss. Mann weiß aber auch, wie schnell sich der Blick der Öffentlichkeit wandeln kann. Dann ist das, was lange als Schandfleck galt, plötzlich ein Schmuckstück und etwas ganz Besonderes, auf das alle stolz sind. Von daher hinkt die öffentliche Wahrnehmung der tatsächlichen Qualität, die ein Gebäude möglicherweise hat, weil es in einer gewissen Weise radikal konzipiert ist, oft hinterher. Von daher finde ich den Ansatz von Turit Fröbe absolut begrüßenswert, diese „hässlichen Entlein“ umzuwerten. Das kann einen Diskussionsprozess in Gang setzen und eine Hinterfragung von Sehgewohnheiten, die möglicherweise zu einer Neubewertung führt. Vielleicht aber auch nicht. Ich meine, wir müssen nicht jedes Haus aus den 70er Jahren behalten. In dem Bau-Boom gerade der 60er und 70er Jahre ist auch viel entstanden, von dem man sich trennen kann. Aber bevor man sich davon trennt, ist es sinnvoll, diesen Diskussions- und Reflektionsprozess in Gang zu setzen. Wenn man sich dann entscheidet, es hinter sich zu lassen und aus dem Stadtbild zu tilgen, dann weiß man wenigstens, warum man es tut, und das Gebäude hat nochmal eine Würdigung erfahren. Von daher kann dieser „liebevolle Blick“ nur ein Gewinn sein, egal, was das Ergebnis ist.

Herr Brinkmann – vielen Dank für das Gespräch!