Peter, der Präsident und ich

Am 03.07.2015 hatte Bundespräsident Gauck zur Matinée zu Ehren der Architektur eingeladen, Anlass waren die runden Geburtstage der vier großen deutschen Baumeister Gottfried Böhm, Meinhard von Gerkan, Helmut Jahn – und Frei Otto, der leider bereits im Frühjahr verstorben ist.

Zu den Größen deutscher und internationaler Architektur geladen war eine Gruppe jüngerer Kolleginnen und Kollegen, vornehmlich aus dem Lager der nichtbauenden Zunft, der Künstler, Stadtgestalter und Grenzgänger, darunter auch ich. Diese waren lt. Protokoll an alle Tische verteilt. Ziel war ja gemäß Herrn Gauck auch ausdrücklich der Austausch zwischen den Generationen. So kam es, dass ich zwischen dem Landeskonservator von Brandenburg und Peter Eisenman saß.

Letzterer hatte wohl doch keine Zeit, so dass sein Gedeck bald entfernt wurde. Zum Glück, beim Eintrudeln an die festlich gedeckten Tischen hatte ich schon einige Zeit darauf verwendet, über ein mögliches Smalltalk-Thema nachzudenken. („Mensch Peter, du und ich beim Präsidenten. Und, wie läuft es so in Nueva York? Hast Du auch schon das gleiche Problem wie Gottfried, dass Deine Gebäude schon wieder zurückgebaut werden? Hier in Berlin ist der Druck auf die Grundstücke einfach zu groß…“). Wir hätten erst mal Visitenkarten ausgetauscht und bestimmt wäre das Gespräch schon irgendwie in Gang gekommen. Später erfuhr ich von einer renommierten Bausünden-Fachfrau, ihr Nachbar Renzo sei wohl auch schon anderweitig verpflichtet gewesen. Also echt jetzt mal. Wenn unser Staatsoberhaupt Netzwerken verordnet, dann wird genetzwerkt, so ist das bei uns in Deutschland! (Peter, Du weißt jetzt, wie du mich erreichen kannst.)

Tischkarte

Tischkarten: Frau Hartmann und Herr Eisenman

Der Smalltalk gestaltete sich aber anderswo am Tisch zuweilen auch etwas mühsam. Das lag auch daran, dass die Tischkärtchen nur mit den Nachnamen versehen waren. Mein linker überübernächster Nachbar am runden 9er-Tisch, ein bekannter deutscher Professor, fragte wiederum seinen Nachbarn zum Auftakt, ob er denn mit S-Bahn oder Taxi auch gut zum Schloss Bellevue gekommen sei. „Nein, mit Fahrer.“ war die kurze Antwort des ehemaligen Chefs eines großen Mobilitätsunternehmens, offenbar einer der Ehrengäste, die jeder Jubilar zuladen durfte, und schon herrschte links wieder Stille.

Nun aber endlich zu den Inhalten – schließlich ging es ja nicht (nur) um Small Talk. Die Rede des Bundespräsidenten zur Architektur war wohlwollend und sehr, sehr wertschätzend, ohne Ecken und Kanten – sehr viel Lob für die spröde Kollegenschaft (das ist man ja gar nicht gewöhnt):

„Ich möchte ganz bewusst als Bundespräsident einmal die Bedeutung der Architektur und der Architekten für unser Land, für unsere Gesellschaft, für unser Empfinden und unsere Erfahrung von Raum und von Zuhause deutlich machen.

Nicht dass Architekten unbeachtet wären. Aber in jüngster Zeit ist der Zusammenhang, in dem über Architektur gesprochen und geschrieben wird, oft negativ besetzt. Dabei sind Architekten meist gar nicht und höchstens zu einem Teil Schuld daran, wenn etwas nicht fertig oder wenn es viel zu teuer wird. Darum soll es heute einmal nicht gehen.

Mir scheint vielmehr eine deutliche Geste der Dankbarkeit an der Zeit zu sein.“

GesangJPG

Salome Kammer sing Lieder von Kurt Weill (Möblierung!)

Ganz besonders nahm er auch auf die jungen Leute Bezug. Dies führte aus meiner Sicht dazu, dass man sich neben den Ehrengästen und Jubilaren nicht nur geduldet sondern ausdrücklich erwünscht fühlte – ein feiner Zug.

Anwesende der „jungen Wilden“ waren Jan Kampshoff von modulorbeat, Sven Kuhrau, Saskia Hebert vom lived/space/lab, Inés Aubert und Rubén Jódar von der Stiftung Freizeit, Turit Fröbe, Stadtdenkerei und Phillip Horst von KUNSTrePUBLIK – die Liste ist nicht vollständig. Luise Lübkes Projekt Baukasten Bremen wurde in Gaucks Rede erwähnt:

„Ich freue mich aber auch, dass eine ganze Reihe junger Architekten hier ist, die mit interessanten, manchmal auch verrückten Lösungen auf sich aufmerksam gemacht haben – bis hin zur ersten Architekturschule für Kinder und Jugendliche in Bremen. Man kann ja gar nicht früh genug anfangen, sich mit der öffentlichen Angelegenheit, die die Architektur ist, zu befassen.

Ich möchte heute Mittag gerade diesen jungen Architekten Mut machen. Ich weiß, dass Sie es nicht leicht haben; ich weiß, dass viele schwer ein Auskommen finden. Und gerade deswegen sind Sie hier und gerade deswegen möchte ich Sie ermutigen, da, wo Sie können, unserem Land neue Akzente zu geben, unser Wohnen und Zusammenleben zu bereichern.“

Philip Horst, Jan Kampshoff und ich

Philip Horst, Jan Kampshoff und ich im Schloss Bellevue

Nur eines hat mich wirklich erstaunt, und das war die Einrichtung des Bellevue. Ich hatte mit materialechten, in der Region hergestellten Maßanfertigungen aus zertifiziertem Massivholz gerechnet, in feinfühliger Korrespondenz oder von mir aus auch saalweise in bewusstem Gegensatz zur Architektur des Schloss Bellevue. Stattdessen gab es eine sehr konservative Möblierung, ja – aber hochlehnige Stühle von der Stange mit Kunststoffbezug (bestanden meinen Rückendekollete-Test nicht)? Keinerlei Möbel-Klassiker, Varianten in der Innenausstattung der Säle? Das hätte ich – auch unter Beachtung der interessanten Kunst, z.B. der genialen, fast unsichtbaren Skulptur von Otto Boll oder Spirale schwarz, Spirale weiss von Guenther Uecker nicht erwartet.

Insgesamt zollte der Bundespräsident mit der Matinée und seiner Rede dem Berufsstand eine ganz selbstverständliche Rückendeckung – und dies ist – in einer Zeit, in der Architektur oftmals nur noch als Skandal in die Zeitung kommt – von Seiten der Politik alles andere als selbstverständlich. Mögen seine Worte im Alltag der Architektinnen und Architekten in Deutschland ankommen – eine Wertschätzung von allerhöchster Stelle hat noch niemandem geschadet.

Für mich war es ein ganz besonderer Tag. Eine Geschichte, die mit dem dabei entstandenen Händedruckfoto in die Annalen der Familiengeschichte eingehen wird.