CINCOCUESTIONES // Christian Wendling, Haus der Architektur Köln

CW140925-041_kleinIm Februar habe ich Christian Wendling, Freier Architekt in Köln mit seinem Büro phase10 Architektur und Medien und Geschäftsführer im Haus der Architektur in Köln (hdak) meine fünf Fragen zur Baukultur gestellt.

Christian Wendling ist seit 2000 freiberuflich tätig im Bereich der baukulturellen Vermittlung an der Schnittstelle von Fachöffentlicheit und Öffentlichkeit. Das hdak, eine 2005 gegründete, gemeinnützige Institution, hat insbesondere über das Format „Jeden Dienstag 19 Uhr – eine Stunde Baukultur“ einen breiten gesamtgesellschaftlichen Diskurs über die Herausforderungen des Planens und Bauens im urbanen Kontext etabliert.

Während viele KollegInnen beim Thema Baukultur in der Diskussion unter sich bleiben, gelingt es Christian Wendling die gesamte Stadtbürgerschaft anzusprechen. Mit seinen Formaten zwischen Fachgesprächen und Bürgerdialogen gelingt es ihm, Baukultur in die Mitte der Gesellschaft zu tragen – aus meiner Sicht sehr zukunftsfähig!

Herr Wendling, was verstehen Sie unter Baukultur?

Es gibt wohl keine universelle Definition dieses so oft bemühten und viel interpretierten Begriffs. Die Unschärfe ist da bereits Teil der Antwort. Ich verstehe Baukultur gesamtheitlich, als die bewusste und mit hohem Qualitätsanspruch erfolgende Gestaltung unserer gebauten Umwelt, von der Zieldefinition über den Prozess bis hin zum Ergebnis. Sie findet statt vom Planungsmaßstab 1:100.000 bis 1:1, angefangen von der Regionalplanung über die Stadtentwicklung, die Landschafts- und Stadtplanung bis hin zu Städtebau, Architektur und Innenarchitektur. Baukultur ist ein Abbild der Gesellschaft und ihres Wandels; sie interagiert mit Ort, Zeit und Identität, ist dabei mal Hochkultur, mal Alltagskultur, mal Subkultur.

Was ist der USP (Unique Selling Point) von Baukultur?

Man kann sich der Baukultur nicht entziehen. Sie umgibt uns. Die Gestaltung der gebauten Umwelt beginnt in den eigenen vier Wänden, und wir sind in unserem Alltag unentwegt mit ihr konfrontiert – ob bei Wohnen, Arbeiten, Freizeit oder auf den Wegen dazwischen. Und: jeder kann sich aktiv beteiligen.

Wie kann Baukultur entstehen?

Ob im kleinen oder im großen Maßstab, vorbildliche Baukultur entsteht durch höchste Ansprüche an die Qualität. Dies setzt ein geschärftes Bewusstsein voraus für den gesamtheitlichen Ansatz, für die integrativen Mechanismen, für die Interdisziplinarität. Baukultur ist eine gemeinsame Herausforderung für alle Beteiligten, die zum erfolgreichen Gelingen einen breiten Konsens erfordert. Dazu müssen wir Vorbehalte und Hürden abbauen zwischen allen Beteiligten (nicht nur zwischen Fachleuten und Laien), Ziele und Inhalte verständlich und nachvollziehbar diskutieren, Lust wecken an der aktiven Mitwirkung, Begeisterung entfachen für die Gestaltung einer dauerhaft lebenswerten Umwelt – ob nun beim Bau eines Einfamilienhauses, der Umfeldverbesserung im eigenen Stadtquartier, oder den wichtigen Weichenstellungen der Stadtentwicklung im Hinblick auf die Herausforderungen einer sich ändernden Gesellschaft.

Wie kann Baukultur in Zeiten des Klimawandels unsere Welt besser machen?

Der Mensch kann auf den Klimawandel reagieren, er kann ihn aber auch beeinflussen. Es geht um das Übernehmen eigener Verantwortung im Umgang mit Energie und mit Ressourcen. Wir müssen insbesondere den gesamten Lebenszyklus unserer gebauten Umwelt stärker in den Blick rücken. Unsere Städte, unsere Gebäude entstehen aus Ressourcen, sie sind aber selbst auch wieder Ressource. Man kann nicht nur neu bauen, sondern auch umnutzen, zwischennutzen, nachnutzen – oder eben auch mal nicht bauen.

Sicherlich lässt sich einiges an Energie einsparen, wenn man Technologie einsetzt, doch nicht selten führt dies wie beim lobbygetriebenen Dämmwahn in die Sackgasse oder zur Pervertierung. Wenn wir zwar den Energiebedarf pro Quadratmeter Wohnfläche immer stärker reduzieren, den Wohnflächenverbrauch pro Person jedoch stetig nach oben schrauben, wird in der Summe nicht wirklich viel eingespart; nicht im Betrieb und schon gar nicht beim Bau.

Umso erfreulicher sind Trends, die nicht aus Mode sondern aus Überzeugung immer stärker Anklang finden in unseren Städten, als Graswurzelbewegung von unten kommend: Urban Gardening, Share Economy, Crowdsourcing, Upcycling sind kreative und überzeugende Ansätze, die auch im Bereich der Baukultur innovativ interpretiert und genutzt werden sollten.

Wie ist Ihre Vision von einem Ort, in dem Baukultur gelebt und umgesetzt wird?

Dieser Ort ist zutiefst demokratisch. Er ist gekennzeichnet durch eine gemeinsam und aktiv gelebte Verantwortung von Planern, Investoren, Eigentümern und Nutzern. Der Ort ermöglicht robuste Rahmenbedingungen mit Freiheitsgraden für geplantes und ungeplantes Gestalten, Platz zur Verstetigung bewährter Lösungen genau so wie Spielraum für innovative Experimente. Gemeinsamer Antrieb ist die kreative Suche nach der besten Lösung in einem Wettbewerb der Argumente.