Meine Königsplätze – eine Reflexion.

Meine Praktikantin Johanna Senge, Schülerin in der EF am Stadtgymnasium in Detmold, hatte sich während ihrer Arbeit in meinem Büro auf ganz verschiedenen Ebenen mit den Königsplätzen beschäftigt. Sie hat fotografiert, geschrieben, mit der Kunststudentin Lisa Kuntze-Fechner gesprochen – sie erstellt zur Zeit eine Examensarbeit zu den Königsplätzen und thematisiert künstlerisch u. a. die Deckenverkleidungen –  eine Lesebühne in einer Zwischennutzung besucht, Fachartikel gelesen. Und dann ist sie über die Plätze gestrichen und hat sich ihr eigenes Bild von diesem Ort gemacht. Zum Abschluss ihres Praktikums habe ich sie gebeten, ihren persönlichen Eindruck zu den Königsplätzen aufzuschreiben – lest selbst!

Text: Johanna Senge

Laubengänge für die Stadt: Marienstraße

Die Königsplätze. In den 70ern gebaut als Symbol der Großstadtwerdung Paderborns, als moderne Lösung für die verkehrsgerechte Stadt und als zeitgemäße Architektur. Heute herrscht an diesen Plätzen sehr viel Leerstand und die heruntergekommenen Gebäudefassaden, die dem Vandalismus verfallen sind und zwielichtige Gestalten in die engen Gassen locken, tragen nicht gerade zu einem Wohlfühl-Ambiente bei. Das Gebiet wird häufig als „Schandfleck“ der Stadt beschrieben, der dunkel, eng und dreckig, unmodern und hässlich ist, und einige plädieren gar für einen Gesamtabriss.

Ich habe mir das Ensemble Königsplätze genau angeschaut um ein paar Eindrücke zu gewinnen und mir meine eigene Meinung dazu zu bilden, da ich ja im Praktikum fast ausschliesslich mit diesem Ort zu tun hatte.

Die eigentlich interessanten und außergewöhnlichen Dinge, die das ganze Areal der Plätze zu bieten hat, befinden sich meiner Meinung nach weniger auf dem eigentlichen Königsplatz, sondern eher bei den vielen winzigen Details wie den kleinen Nebengässchen, Gängen mit Überständen, blumenbehangen Brücken, Treppenaufgängen und versteckten Halbetagen. Es sind die kleinen Dinge, die mich auf meinen Besichtigungstouren beeindruckt haben, und dafür gesorgt haben, dass ich die Königsplätze als etwas Besonderes empfinde.

Die Deckenverkleidung beispielsweise, die auch in sich wieder sehr viele Details beherbergt – wenn man nur darauf achtet. Denn die Decke besteht nahezu fast überall in den Gängen und Überständen aus quadratischen  70er Jahre Deckenelementen mit abgerundeten Ecken aus Leichtbeton, etwas größer als eine CD-Hülle, die in ein Leistengitter eingehängt sind.  Immer neun dieser Teile hängen in einem Quadrat des Leistengitters, die untereinander mit kleinen stegartigen Verbindungsteilen verbunden sind. Außerdem sind an einigen Stellen weiße, und an anderen Stellen dunkelgrüne Deckenelemente, die zwischendurch übergangslos wechseln. Für mich spiegeln die Übergänge auch diesen ständigen Wechsel zwischen hell und dunkel wider, der an den Königsplätzen häufig zu finden ist, bedingt durch dunkle Durchgänge und helle Plätze unter freiem Himmel. Manchmal, an Stellen wo es keinen orthogonalen Übergang gibt, kommt es zu kuriosen Lösungen mit seltsam hinein geschobenen Betonlinien, die irgendwie zu versuchen scheinen, dem Durcheinander eine Ordnung geben zu wollen. Einzelheiten wie diese, sind keine Seltenheiten. Sie werden nur nicht bemerkt.

Eine weitere Sache, die mich auch sehr beeindruckt hat, ist dieses kleine zwischengeschobene Stück Halbetage an der Ecke Marienstraße/Königsstraße. Es gibt wirklich nicht viele Leute, behaupte ich, die wissen, dass diese Etage existiert, geschweige denn wissen, wie man dort hin kommt, auch wenn man sie bei genauerem Hingucken von der Straße aus durchaus erkennen kann. Die Außengänge der Königsplätze bestehen normalerweise immer aus zwei Etagen, eine unten an der Straße und eine oben drüber als Gang, aber nur an dieser einen Stelle gibt es ein kleines Stück mit drei Etagen.

Und wenn man den versteckten Weg in diese „Geheimetage“ gefunden hat, sieht man, dass dort sogar ein großer Raum ist, ganz verborgen hinter den Brücken, Treppen und Gängen, die überall kreuz und quer gebaut sind. Das verleiht den Plätzen auch wieder ein gewisses Dschungel Feeling, da man sich immer ein bisschen durchs Unterholz vorkämpfen und verschlungene Wege gehen muss, um an versteckte kleine Orte, wie diesen zu kommen. Genauso wie die vielen Brücken und Brüstungen mit hängenden Pflanzen in diesen großen Töpfen, die mich immer ein wenig an Lianen erinnert haben und die Laubengestelle vor dem Karstadt Schnäppchencenter, die auch durch ihre dunkelgrüne Farbe, die überall immer wieder auftaucht, bei mir leicht Verbindungen zu Urwäldern entstehen lässt.

Links unten die versteckte Etage

Links unten: die versteckte Etage | Foto: ©Jan Kampshoff

Die kleinen Durchgänge und Gassen, in denen teilweise gähnende Leere herrscht und die meistens durch Geschäftsrückseiten entstehen, von leerstehenden Läden gesäumt werden, und von vielen Leuten gemieden werden, haben auch etwas besonderes an sich. Sie sind so verzweigt und durcheinander, mal überdacht, mal nicht, manchmal mit alten, medizinball-großen Lampen – keine Gasse ist wie die andere.

Da meine Orientierung meistens total versagt hat, (noch so ein Effekt, der mir die Königsplätze sympathisch macht), war es immer wieder eine kleine Überraschung wenn ich am anderen Ende des Ganges ankam, immer wieder ein kleines Ratespiel im Kopf, was wohl dahinter lag. Auch die Rolltreppenabgänge oder die Treppen und Rampen, die an total absurden Orten dort plötzlich auftauchen und scheinbar entweder ins Nichts oder in ein dunkles Loch führen finde ich wirklich sehr witzig, da sie das ganze unübersichtliche Durcheinander, das ich so mag, noch unterstützen.

Gang hinterm Karstadt Schnäppchencenter

Das extrem seltsame und ungewöhnliche an dem Gebiet der Königsplätze ist auch, finde ich, dass so ein verfallener, verwahrloster Ort mitten in der Stadt ist. Man kann in zwei Minuten von einer prall gefüllten Einkaufsstraße in ein fast menschenleeres Areal kommen wo man am helllichten Tage die Decke abreissen könnte und keiner würde es merken oder etwas sagen.

Die ganzen leerstehenden Gebäude und gammeligen Buden tragen natürlich auch nicht gerade zur Verbesserung der Lage bei…

Obwohl man sagen muss, dass die Räume an sich teilweise echte Schätzchen sind. Das Zwischenstand und die geplante Schaulade gehören zum Beispiel dazu, und auch einige andere, die ich gesehen hab, wie der versteckte Raum in der Zwischenetage.  Das sind keine langweiligen rechteckigen Räume mit Tür in der Mitte, sondern meistens recht interessant geformte Flächen mit Glasfronten in zentraler Lage. Die Räumlichkeiten sind zum Teil in so guter Lage, dass man sich wirklich fragt, warum sie leerstehen.

Der Kiosk Schaulade ist mit schmutzigen Rolladentoren von drei Seiten bedeckt und wirkt auf diese Weise unscheinbar, aber hinter der grauen Fassade kommt ein kleiner Raum mit rot beklebten Scheiben zum Vorschein, der aussieht als wäre er unter das Haus über ihm geschoben worden wie eine kleine Schublade.

Unters Haus geschoben: Kiosk am Marienplatz

Das sind diese kleinen Details, die ich oben schon einmal genannt habe. Diese kleinen Facetten geben dem Ensemble einen besonderen Flair und auch eine gewisse Einzigartigkeit, und das, obwohl sie kein hochmoderner Designerbau sind und auch nicht so alt und prunkvoll wie verzierte Stadtvillen.

Die kleinen und großen Räumchen, Decken, Brücken, „Geheimetagen“, Nebengässchen und Gänge an den Königsplätzen haben mich fasziniert, und auch wenn viele jetzt sagen werden, dass das blödsinnig ist und das alles hässlich, dreckig und alt ist, kann ich nur sagen: Geht nochmal dahin, schaut euch das alles ganz genau an, achtet auf die kleinen Details, und bildet euch danach eure Meinung.