CINCOCUESTIONES // Daniel Schnier, ZZZ Bremen

Daniel_SchnierIm Februar zu Baukultur: Daniel Schnier, Dipl.-Ing. der Architektur, Jahrgang 1977, Gründer des AAA Bremen, Mitbetreiber der ZZZ-ZwischenZeitZentrale Bremen, verheiratet, drei Kinder – so seine Selbstbeschreibung. Mit seinem Kompagnon Oliver Hasemann hat Daniel Schnier das Thema Zwischennutzung in der bundesweiten Diskussion weit nach vorne gebracht, nicht zuletzt durch die Publikation SECOND HAND SPACES und die ihr vorangegangenen internationalen Zwischennutzung-Konferenzen 2010 und 2012 in Bremen. Zum Knowledge-Transfer mit den Städten Rom (I) und Alba Iulia (RO) organisieren sie derzeit das EU-Projekt TUTUR.

Herr Schnier, was verstehen Sie unter Baukultur?

Unter Baukultur verstehe ich eine Teilhabe und ein Interesse an Prozessen die in räumlichen Umfeld entstehen. Meist ist die Bereitschaft an einer Teilhabe an Baukultur häufig in nachbarschaftlichen Projekten unmittelbar am Wohnumfeld zu sehen, was mich wiederum hinterfragen lässt, warum dies nicht weiter hinausgeht und gedacht wird.
Sogenannte NIMBY-Positionen (not in my back yard) sind somit häufig leider eine Umkehr von der Idee einer aufgeschlossenen breiten diskussionsoffenen Baukultur innerhalb einer Stadt. Meiner Meinung nach ist Veränderung oder auch Umwandlung das Synonym für eine lebendige immerwährende sich verändernde Stadt und dies ist für mich Baukultur!

Was ist der USP (Unique Selling Point) von Baukultur?

Das Alleinstellungsmerkmal (interessanterweise aus der Marketingsprache adaptiert) der Baukultur ist für mich das Interesse der Menschen an Bildung. Sei es unter den Gesichtspunkten des nachhaltigen Denkmalschutzes oder z.B. am Interesse der unterschiedlichen Menschen an einer echten gelebten Bürgerbeteiligung oder auch zu ungewöhnlichen Themen, die erst im zweiten Blick erkennbar sind, z.B. Foodsharing.
Das große und breite Spektrum der Baukultur macht diese zu einem mannigfaltigen Konglomerat ganz unterschiedlicher Themenkomplexe.
Den belebenden Moment meist kurzzeitiger Baukultur in unterschiedlichen Kontexten zu fördern, muß die Bereitschaft zur Offenheit vorangehen, um die meist hierarchischen Ordnungen und Prozesse in unserer heutigen Gesellschaft immer wieder aufs Neue kritisch zu hinterfragen.

Wie kann Baukultur entstehen?

Baukultur entsteht durchs Machen. Projekte initiieren und sich austauschen. Sich treffen! Jetzt und hier ist durch die Möglichkeit der sogenannten „Neuen Medien“ ein Wissenstransfer möglich, der vor 50 Jahren so nicht vorstellbar gewesen ist. Ein immer schnelllebigerer Pulsschlag fordert von uns immer mehr Erreichbarkeit. Die Vermischung von Privat- und Arbeitsleben, von Arbeitszeit und Freizeit kann auch ein Vorteil sein. Durch diese Möglichkeiten kann Baukultur entstehen und auch unterschiedliche Menschen erreichen.
Die Bereitschaft zu Baukultur obliegt den Menschen, die etwas verändern wollen, etwas wissen und entdecken wollen. Auf unterschiedlichen Wegen, aber meist mit dem Ziel des gemeinsamen Austauschens.

Wie kann Baukultur in Zeiten des Klimawandels unsere Welt besser machen? 

Damals war das Auto die Ikone der Stadtplanung. Die „Autogerechte Stadt“ hat nach dem schrecklichen Krieg noch mehr zerstört, als der Krieg selbst. Es wurde Zeilenweise abgerissen. Nicht nur aufgrund des Mangels, sondern auch aufgrund des Verdrängens und Vergessens. Ein Neuanfang mußte her.

Die Trennung der Nutzungen laut der Charta von Athen (1933) traf den damaligen Zeitgeist und machte nach 1945 den europäischen Stadtplanungs-Weg frei.

Heute sind die Themen des Klimawandels spätestens seit den Neunzigern (Kyoto-Protokoll) ein wichtiger Bestandteil der heutigen Planung. Der Klimawandel wird aber auch leider in bestimmten Bereichen (Bauen, Verkehr, etc.) mißbraucht und es bedarf einer neuen Denkweise. Die Zeiten wandeln sich rapide. Europa muß sich u.a. dem Thema des demografischen Wandels stellen.
Gesellschaftlich ist das Wohnen in manchen Ballungsgebieten zu fünfzig Prozent momentan aufgeteilt in Ein-Mann-Frau-Haushalte. Die sozialen Bindungen sind kurzlebiger und wechselhafter geworden und das Leben hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gedreht. Hinzu kommt die Unsicherheit im Arbeitsbereich. Multijobbing (Neudeutsch: Zum Hauptjob zusätzliche Nebenjobs annehmen müssen) ist keine Seltenheit. Oder auch Aufstocker („erwerbstätige Arbeitslosengeld II-Bezieher“) sind nicht mehr ungewöhnlich. Die Arbeitslosenquote sank in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Ländern Europas immens (Nord-Süd-Gefälle), doch auf wessen Kosten? Die Wiedervereinigung vor 25 Jahren, die europäische Idee, der Kommunikationswandel, etc. etc.

Klimawandel darf nur ein Bereich in der Baukultur sein. Muck Petzet (Generalkommissar des deutschen Beitrags auf der 13. Architektur-Biennale in Venedig 2012 mit dem Thema: RRR-reuse,reduce,recycle) ist ein Vordenker, der uns Antworten geben kann im Bereich des Bauens. Bauen im Bestand wird das Thema der nächsten Jahrzehnte sein und uns beschäftigen. Die Leerstandsquoten werden in schrumpfenden Gebieten, sei es im ruralen oder auch urbanen Räumen, wachsen. Baukultur muß diese Themen erkennen und auch zur Sprache bringen. Auch wenn sie noch so weh tun.

Wie ist Ihre Vision von einem Ort, in dem Baukultur gelebt und umgesetzt wird?

Viele Menschen werden in den nächsten Jahrzehnten, nicht nur in schrumpfenden Gebieten, in vielen Quadratmetern Wohnraum allein sterben müssen. Die Gesellschaft altert immer mehr. Die Jugend verläßt das Elternhaus, bildet sich in Großstädten fort und kehrt meist nicht zurück. Dies klingt im ersten Moment fraglich, doch Studien belegen, dass es in Zukunft immer weniger Familienbündnisse geben wird, die unter einem Dach miteinander wohnen werden. Das generationsübergreifende Wohnen wird ein Thema sein, dass auf uns zu kommen wird, bzw. eigentlich schon angekommen ist. Dies wiederum bedeutet, dass die Menschen sich neue Gemeinschaften aufbauen werden müssen und somit auch zwangsweise neue gemeinschaftliche Bauten realisieren werden, wenn sie denn die Möglichkeiten haben.

Die Förderung solcher Baugemeinschaften ist leider noch nicht überall in Deutschland angekommen. Sei es aufgrund der eingetretenden Pfade der vor Ort arbeitenden und meist gut vernetzten Immobilienwirtschaft oder einfach nur aus Unkenntnis, die sich in der geringen Nachfrage dieser meist nicht Wissenden kristallisiert. Letzteres wäre mir persönlich lieber.

Arbeiten und Wohnen wachsen in unserer heutigen immer mehr dienstleistungsorientierten Gesellschaft stetig zusammen. Neue Mischnutzungen (Wohnen+Arbeiten) können in Baugemeinschaften einfliessen. Der Wunsch keine reinen Wohnsiedlungen mehr auf die grüne Wiese zu planen, sondern den Bestand zukunftsgerecht miteinander zu transformieren. Diese Aufgabe ist eine Zerreißprobe.

Jede(r) die/der schon einmal eine Baugemeinschaft mit den jeweils unterschiedlichen Interessen, Erwartungen und Vorstellungen mitbetreut und geplant hat, weiß, dass dies mehr bedeutet, als eine Doppelhaushälfte im Speckgürtel zu realisieren. Dennoch und gerade durch diese, wie ich finde, nachhaltige Arbeit, schafft man Hausgemeinschaften oder auch Nachbarschaften, die sich in Zukunft vor Ort gemeinschaftlich mit dem Raum identifizieren und ihn baukulturell pflegen und neu beleben. Sie werden sich auch nach außen hin öffnen.