Bericht via Bauwelt: Die Zukunft und die Kasernenstadt

Die Re-Integration der Kasernenflächen in das Stadtgebiet ist eines der vielfältigsten Themen der aktuellen Paderborner Stadtentwicklung. In der bauwelt 04.2015 erscheint mein Beitrag zu Lage und Ausblick der Paderborner Konversion (hier als pdf: 04.2015_Die Zukunft und die Kasernenstadt) und ab Freitag gibt es die gedruckte Ausgabe.

2014-11-25_Alanbrooke_Fahrrad Kopie

Die Zukunft und die Kasernenstadt

Der Paderborner Stadtteil Sennelager war nie etwas anderes als ein Militärstandort – was wird aus ihm nach Abzug der britischen Rheinarmee? Für eine der innerstädtischen Kasernen zeichnet sich immerhin eine Nachnutzung ab

Die Alanbrooke-Kaserne ist ein Glücksfall. Jahrelang hatte die Stadt Paderborn diskutiert und untersucht, wo sie die verstreuten Standorte ihrer Verwaltung zentral zusammenlegen könnte. Eine Neuplanung stand zur Diskussion, auch die Sanierung der Stadtverwaltung am Abdinghof, ein stadtbildprägendes Fünfziger-Jahre-Ensemble oberhalb der Paderquellen. Dann wurde bekannt, dass die britischen Streitkräfte, früher als geplant, 2016 abziehen. So wird die Alanbrooke-Kaserne frei, ein innerstädtisches Geviert mit Exerzierplatz, Panzerhallen und elf denkmalgeschützten Gebäuden in norddeutscher Backsteingotik, die perlengleich den Saum des Grundstücks flankieren. Gut gelegen, groß und repräsentativ – ein Objekt, wie gemacht für die Stadt. Doch das Gelände an der Elsener Straße ist nicht die einzige Leerstelle, die die Rheinarmee in Paderborn hinterlässt.

„Eine Jahrhundertaufgabe“ nannte die Technische Beigeordnete Claudia Warnecke den Konversionsprozess, bei dem es darum geht, eine bebaute Fläche der fünffachen Größe der Innenstadt in den Stadtraum zu integrieren. Keine Aufgabe, die man alleine lösen kann; der Prozess wird durch die landeseigene Beteiligungsgesellschaft NRW.Urban begleitet. Im Oktober wurde die Plattform zur Paderborner Konversion der Öffentlichkeit vorgestellt, ein aufwendiges Portal mit Dialogfunktion zur Erläuterung des Procedere, erstellt vom Berliner Büro Zebralog. „Konsultation und Information“ der Bürger sei das Ziel, so Klaus Selle von der RWTH Aachen in seinem Impulsvortrag, „die Entscheidungen werden von den Verantwortlichen getroffen“. Das Format fungiere gleichsam als Online-Gedächtnis für den voraussichtlich dreißig Jahre andauernden Prozess.

Normandy, Athlone, Barker, Dempsey – insgesamt werden sieben Standorte geräumt, zuzüglich mehrerer Wohngebiete. Brisant wird es in Sennelager, einem Stadtteil von Paderborn – 1851 als preußisches Kavallerie-Übungslager gegründet und bis heute ein Militärstandort. Ab 1890 folgte der Ausbau der Senne, der bedeutendsten zusammenhängenden Heidelandschaft Nordrhein-Westfalens, zum Truppenübungsplatz.

Aus Sennelager wird Senne-Lage

Meterhoher Stacheldrahtzaun, Mannschaftsunterkünfte und Grünflächen auf der einen Seite, Table Dance, englische Bars und Gründerzeitvillen mit ausgestorbenen Ladenzeilen auf der anderen Seite – so zeigt sich der „Strip“ von Sennelager, die Bielefelder Straße, Zentrum des Ortes und gleichzeitig scharfe Trennlinie zwischen Bewohnern und Militär. Durch die baurechtliche Eintragung der Panzerverladungsstelle am Bahnhof wird das zivile Entwicklungspotenzial dieses Orts seit Jahren beschränkt. Die Disco Pleasuredome ist zur Ruine geworden, investieren lohnt nicht. Auf der anderen Seite mag sich niemand vorstellen, was passiert, wenn dieser Zaun einmal nicht mehr da ist, ein Großteil der Bewohner ebenfalls weggezogen ist und diese beiden Welten ohne Konzept aufeinanderstoßen. Wohnen im Grünen auf großem Grundstück? Kurparkatmosphäre?

„Sennelager muss sich neu erfinden“, so Claudia Warnecke am Abend der Vorstellung. Auch die Bevölkerung setzt sich zum großen Teil aus Soldaten und ihren Angehörigen zusammen. Die im westlichen Teil liegende Gartenstadt ist Schlafstadt – zur Arbeit geht es auf die andere Seite des Zauns. Doch welche Konzepte sind angedacht? Die seit mehr als hundert Jahren unberührte Natur und die landschaftlichen Besonderheiten der Senne erfüllen die Kriterien eines Nationalparks. Diese Idee wird auf Länderebene favorisiert – Umweltminister Remmel selbst stellte den Bewohnern im Sommer die Studie des LANUV vor, in der der Senne das Zeug zum Nationalpark bescheinigt wird. Die Idee wird mit Zurückhaltung auf- genommen, bedeutet sie doch eine eher restriktive Entwicklung des Ortes als eine Expansion in die Grünflächen und eine Reduzierung der in Paderborn gefragten Wohnbauflächen.

Wirklich kein Wettbewerb?

Im Vergleich hierzu ist die Alanbrooke-Kaserne ein gefälliger Baustein, dennoch eine in sich komplexe Aufgabe. Ergebnisse aus Bürgerwerkstät- ten sollen in ein Strukturkonzept einfließen und die Grundlage für einen städtebaulichen Wettbewerb bilden. Wie aber soll die Planung für das schmucke Ensemble konkret aussehen? „Die denkmalgeschützten Gebäu- de müssen auch für die Verwaltung tauglich gemacht werden“, so der Konversionsbeauftragte der Stadt, Thomas Jürgenschellert. Grundlage des Ratsbeschlusses vom November 2013 zum Umzug der Stadtverwaltung bildet eine Studie, in der die Eignung der Kaserne als Verwaltungsstandort untersucht wurde. Das beauftragte Büro für Bautechnik skizziert auch ein architektonisches Konzept. Vorgeschlagen wird z.B. eine weitgehende Entkernung der Gebäude, die aus einer einhüftigen eine zweihüftige Erschließung zaubert. Zur Verbindung der Verwaltungseinheiten sind Brücken zwischen den Einzelgebäuden angedacht, begründet mit Barrierefreiheit und der Einsparung von Aufzugsanlagen. So steht die stolze Bausumme von 65 Millionen Euro im Raum – nicht verwunderlich bei derart ambitionierten Eingriffen in eine denkmalgeschützte Substanz, deren Fassaden bei einer Entkernung mühsam gestützt werden müssten. Die Alanbrooke- Kaserne, Leuchtturmprojekt für den gesamten Paderborner Konversionsprozess, wäre als Auftakt gut geeignet, eine hohe gestalterische Qualität anzubieten. Eine erhaltende Sanierung der inneren und äußeren Bausubstanz und die Gestaltung der Zwischenräume zu attraktiven Aufenthaltsräumen bildeten hierzu eine gute Grundlage.

Paderborn möchte man zurufen, das skizzierte architektonische Vorkonzept ad acta zu legen und im Wettbewerb für dieses Ensemble frei eine zeitgemäße und ressourcensparende Lösung entwickeln zu lassen. Bei einer Bauaufgabe dieser Größenordnung sollten durch eine im Vergleich ermittelte, kluge Lösung Baukosten reduziert und die Qualitäten der neuen Adresse der Stadtverwaltung erhöht werden können. Ein solcher Schritt würde sich selbstverständlich mit den bereits begonnenen Maßnahmen und den Partizipationsinstrumenten verbinden. Ein Anfang ist gemacht.