CINCOCUESTIONES // Jascha Philipp Braun, Stadt.Bild.Berlin

BildJascha Philipp Braun, der Initiator von Stadt.Bild.Berlin, beantwortet im Januar fünf Fragen zur Baukultur. Jascha Philipp Braun hat Geschichte und Politikwissenschaft in Berlin, Potsdam und Stockholm studiert. Unter Stadt.Bild.Berlin, dem Informationsportal zu Baukultur und Denkmalschutz bloggt er über das Baugeschehen in Berlin – er dokumentiert, kommentiert und kritisiert. Zum Schutz des Stadtbildes hat er auch die beachtete Initiative Gegen die Zerstörung von historischen Fassaden durch Wärmedämmung mit gegründet, der DLF berichtete im November. Zur Zeit arbeitet er an seiner Dissertation zum Thema Großsiedlungsbau an der TU Berlin.

Herr Braun, was verstehen Sie unter Baukultur?

Baukultur existiert für mich überall dort, wo der öffentliche Raum durch die bauliche Gestaltung des Umfeldes Charisma und Ausstrahlung annimmt. Es handelt sich also um eine Architektur, die inspiriert, anregt und zum Aufenthalt einlädt. Typische Kennzeichen sind eine unverwechselbare, hochwertige und harmonische Gestaltung in menschlichem Maßstab, die in historisch geprägtem Umfeld zudem einen respektvollen Umgang mit der überlieferten Substanz pflegt.

Als gut gelungene Beispiele der jüngeren Zeit betrachte ich die Platzgestaltung der Magellan-Terrassen in der Hamburger Hafencity, das Bürohaus Trias am Martin-Luther-Ring in Leipzig oder die Neubebauung der Westseite des Goetheplatzes mit dem – allerdings wenig kulturvollen – Projektnamen „One Goetheplaza“ in Frankfurt.

Was ist der USP (Unique Selling Point) von Baukultur?

Aus der oben genannten Definition geht hervor, dass Baukultur einzigartige und zugleich lebenswerte Umgebungen schafft. Es entstehen also erinnerbare Orte mit positiver Aufladung. Dass dies ein bedeutendes Alleinstellungsmerkmal ist, zeigt sich darin, dass Städten mit einem attraktiven Stadtbild wie München, Freiburg oder Münster regelmäßig eine hohe Lebensqualität bescheinigt wird.

Wie kann Baukultur entstehen?

Baukultur kann nur dort entstehen, wo die kreative Phase des Entwurfsprozesses nicht allzu stark durch die Baugesetzgebung reglementiert wird. Insbesondere die übertriebenen Forderungen an Barrierefreiheit und Brandschutz fördern rein technokratisch geprägte Herangehensweisen, denen jegliches Gespür für lebenswerte Räume fehlt.

In Frankfurt am Main wurde beispielsweise vor kurzem von der CDU und den Grünen in der Stadtverordnetenversammlung der Antrag eingebracht, bei der Neugestaltung des Dom-Römer-Areals auf eine Höhedifferenz zwischen Bordstein und Straßenraum zu verzichten.[1] Selbst der Kompromissvorschlag des Gestaltungsbeirats, die Bordsteinkanten auf 3 cm zu begrenzen, wurde mit Verweis auf die angestrebte flächendeckende Barrierefreiheit abgelehnt. Wie auch immer man zu der in diesem Bereich vorgesehenen „Rekonstruktion“ von Altstadthäusern stehen mag: Der am historischen Erscheinungsbild orientierte Vorschlag hätte, wie vom Gestaltungsbeirat richtig erkannt, zur stärkeren Plastizität des Freiraums beigetragen und die wesentlichen Kennzeichen von Baukultur, wie sie oben beschrieben wurden, unterstützt.

Baukultur muss im Übrigen nicht unbedingt die Baukosten in die Höhe treiben. So kann beispielsweise mit einer abgewogenen Farbgestaltung bereits ein enorm positiver Effekt auf den öffentlichen Stadtraum erreicht werden.

Wie kann Baukultur in Zeiten des Klimawandels unsere Welt besser machen?

Baukultur bedeutet Qualität und Qualität wiederum steht für Nachhaltigkeit. Wenn es gelingt, qualitativ hochwertige Stadträume zu entwickeln, dann wird der wertvolle Ressourcen verbrauchende Erneuerungsbedarf entsprechend reduziert.

Wie ist Ihre Vision von einem Ort, in dem Baukultur gelebt und umgesetzt wird?

Wie in so vielen anderen Bereichen auch, ist in baukultureller Hinsicht meines Erachtens Skandinavien Vorreiter. Vor allem die Stadtplanung in Kopenhagen sehe ich als äußerst vorbildlich an. Jeder Besuch dort ist ein Erlebnis, da beinahe jeder Ort baukulturelle Qualitäten aufweist. Dies ist in der historischen Altstadt der Fall, aber ebenso in den modernen Stadterweiterungen wie Ørestad. Daher empfehle ich jedem einen Besuch dieser Stadt, denn nirgendwo sonst ist die Vision von einem Ort, in dem Baukultur gelebt und umgesetzt wird, deutlicher zu spüren.

[1] Vgl. http://www.stvv.frankfurt.de/download/NR_1068_2014.pdf