German Baukultur: Rückblick Konvent 2014

In diesem Jahr also in Potsdam. Nach 7 Jahren Abstinenz fand der Konvent der Bundesstiftung Baukultur wieder am Stiftungssitz statt. Das Quartier um die Schinkelhalle bot einen ehrwürdigen Rahmen für den ThinkTank der deutschen Baukulturszene, bestehend aus berufenen Konventsmitgliedern, Zuschauern, Journalisten und Gästen.

Ziel der Veranstaltung im 2-3 Jahresturnus ist nichts weniger als die Ausrichtung der bundesdeutschen Baukulturbewegung, initiiert durch die Bundesstiftung Baukultur, welche selbst im Jahr 2006 von der Bundesregierung per Gesetz ins Leben gerufen wurde.

Ein Meilenstein des 5. Konvents war die Vorstellung des Baukulturberichts, dem Wasserstandsmelder und Lobbybuch der Stiftung, welcher die aus Befragungen, Studien und Analysen in Essenz eines Berichtes gegossenen Erkenntnisse nun sogar dem Bundeskabinett als Richtungsweisung dienen soll. Erhofft werden Empfehlungen zur Umsetzung von Baukultur fördernden Maßnahmen als Handlungsempfehlungen der Umweltministerin an den Bundestag. Dies ist ein Novum.

Doch wozu das alles? Reiner Nagel, seit Mai letzten Jahres Direktor der Stiftung, setzt neue Standards in der Ausrichtung der Stiftung. Vor wenigen Jahren noch als eher klassische, aber auch etwas ermüdende Frontalveranstaltung konzipiert, war sich in diesem Konvent ein etwas unsicherer Stiftungsdirektor nicht zu schade, vor die geladenen Gäste zu treten mit den Worten: „Und – das treibt mich innerlich schon den ganzen Tag um – es ist nichts vorbereitet. Wir möchten von Ihnen Empfehlungen bekommen, wir haben nichts vorformuliert! Sie müssen das jetzt erarbeiten.“ Hierzu diente ergänzend ein kleines, als Fernbedienung anmutendes Tool als Instrument der geheimen, interaktiven Abstimmung – und es kam häufig zum Einsatz.

Interaktive Abstimmung Reiner Nagel

Mehr Provokation, bitte! Interaktive Abstimmung mit Reiner Nagel

Dabei wurde keinen Wert darauf gelegt, ob die eigentlich berufenen Konventsmitglieder, oder Zuschauer abstimmten – das Gesamtbild war von Interesse. So wurden die Anwesenden immer wieder gefordert, sich eine Meinung zu bilden, zusammen zu fassen, zu differenzieren. WorldCafé goes Bundesstiftung – oder Beteiligung auf hohem Niveau: lobenswert.

Eine große Bereicherung war der Key Note Speaker Prof. Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, dem wegweisenden Beratungsorgan der Bundesregierung zum Thema Nachhaltigkeit. Hochrangig interdisziplinär besetzt entwickelt das Gremium die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie.

Prof. Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Prof. Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung

In dieser aber – welche Überraschung – taucht die Baukultur bisher nicht auf, sie kann allenfalls unter Lebensqualität subsumiert werden. Flächenreduktion, Lebenszyklus von Gebäuden und die Gestaltung des Klimawandels als relevante Bereiche, die Auswirkungen auf die Baukultur haben, sind benannt. Die Zertifizierung von nachhaltig (genannt)en Gebäuden und die Entwicklung von KfW-Krediten zur Umsetzung klimagerechten Bauens mögen Instrumente sein, die letztendlich aus der Arbeit des Rates entstanden sind – sie geben hingegen noch keinen Aufschluss über die Entwicklung einer nachhaltigen Baukultur, Architektur oder Stadtplanung.

Umso interessanter daher die Einbindung von Dr. Günther Bachmann, seines Zeichens Landschaftsarchitekt, in den Konvent der Baukultur – möge er auch eine Baukulturmission zurück in den Rat tragen, und die Themen Nachhaltigkeit und Baukultur näher zusammen bringen.

Last not least eine Entdeckung war Katrin Bethge mit ihrer genial-einfachen Illumination der Schinkelhalle. Mit live eingestreutem Pfeffer in Milch oder einer Glasschüssel mit Wasser zauberte sie durch (analoge) Overheadprojektionen lebendige Bilder an die Wand. Es machte Spaß, ihr bei der Arbeit zuzusehen und ihre Materialsammlung war beeindruckend!

Kathrin Bethge's wunderbare Materialsammlung

Kathrin Bethge’s wunderbare Materialsammlung

Trotz hohen Lobes für die partizipativ-dialogischen Elemente des Konvents und den breit gewählten Rahmen der Veranstaltung blieben auch Themen unbesprochen.

Die 31 Handlungsempfehlungen des Berichtes gehen im Einzelnen an Bund und Länder, Kammern, Verbände, Institutionen, Lehre – und zuletzt an die Bundesstiftung selbst. Mitgenannt werden die Baukulturinitiativen – selbst betroffen hat mich dieser Aspekt des Berichtes natürlich besonders interessiert. Für die Initiativen sind die drei genannten Empfehlungen aber gar nicht relevant – 1. Baukulturberichte vorlegen, 2. Bundesstiftung stärken, 3. Netzwerk von Initiativen ausbauen. Arbeiten sie schon so gut, dass sie keine Erwähnung brauchen?

Im Stiftungssitz

Publikum der Verleihung des Baukultur-Fotografie-Preises Im Stiftungssitz

Ein weiterer Aspekt, der im abschließenden Voting sogar zum Publikumsfavoriten wurde, ist die Notwendigkeit einer Intensivierung der Pressearbeit, ergo die Kommunikation von Baukultur in den Medien. In anderen europäischen Ländern als ein selbstverständliches Kultur-Thema in Tageszeitungen und Online-Medien bedient, gilt Baukultur in Deutschland immer noch erklärungsbedürftige, schwer vermittelbare Hochkultur. Kollegen der Baukulturvermittlung befragt, sparen sie das Wort Baukultur bei der Bewerbung von Veranstaltungen sogar absichtlich aus – um Bürger und Bürgerinnen nicht abzuschrecken. Liegt es also am Begriff?

Viele vor Jahren noch ungekannte Wörter mussten wir mühsam lernen, und können sie heute nicht nur buchstabieren, sondern auch definieren – Inklusion, Nachhaltigkeit, Resilienz, Governance – weil sie aus der EU oder sogar von den Vereinten Nationen an Deutschland herangetragen, und dann mit dem notwendigen Schub via Marketing unter die Bevölkerung gebracht wurden.

Warum nicht auch unser schon blumiges, narratives Wort Baukultur?

Während Lobbys ein Marketing-Budget zur Verfügung haben, um ihre Botschaften in sinnigen Claims zu verbreiten, arbeiten sich Baukulturexperten immer noch gerne selbst an einer Definition ab – so auch wieder im Konvent zu beobachten. Diskussionskultur – wertvoll – aber wie bitte bringen wir die Message unter die Leute? Als ehemalige Werberin stimme für eine klassische Kommunikationskampagne – einfach, um den Begriff Baukultur in all seinen Facetten erläutern zu lassen – wir können nicht alles selber machen. Der bestehende Auftritt Baukultur wirkt ist doch wunderbar – nur möchte ich gerne noch ganzseitige Anzeigen im Feuilleton der FAZ, Spots vor dem Tatort und Berliner Busse mit diesem Slogan sehen.

Reiner Nagel berichtete stolz, der Begriff Baukultur werde immer seltener in Fremdsprachen übersetzt, sondern mehr und mehr wie z.B. jüngst auch le Mannschaft als unübersetzbar einfach im Deutschen belassen.

Also dann. WANTED: Campaigners for german Baukultur!

Abschlusspodium Konvent 2014 Bundesstiftung Baukultur

Abschlusspodium Konvent 2014 Bundesstiftung Baukultur