Interview mit Prof. Florian Matzner, Kurator TATORT PADERBORN

Die Halbzeit des TATORT PADERBORN – Phänoment Fußgängerzone ist vorbei – Zeit, den Kurator, der ja auch irgendwie Paderborns erster (und voraussichtlich auch einziger) Tatort-Kommissar ist, zu Kunst, Stadt und Visionen zu interviewen – so lange er noch in der Stadt ist!

Prof. Dr. Florian Matzner ist Kunstwissenschaftler und Kurator. Er studierte Kunstgeschichte in Marburg, Hamburg und Rom. Seit Ende der 1990er Jahre lehrt er an der Akademie der Bildenden Künste München. Florian Matzner ist Mitglied des Bremer Landesbeirats für Kunst im Öffentlichen Raum und Künstlerförderung und war Vorsitzender der “Kommission für Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum” der Stadt München. Er veröffentlichte und verantwortete zahlreiche Publikationen und Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst, unter anderem war er Co-Kurator des deutschen Pavillons der Biennale di Venezia 1993 und Projektleiter der Skulptur.Projekte in Münster 1997. Als Kurator realisierte er mit Emscherkunst 2010 und 2013 ein außergewöhnliches Kunstprojekt im Landschaftsraum der Emscher zwischen Herne und Dinslaken. Mehr als 30 KünstlerInnen und Künstlergruppen entwickelten dafür temporäre und bleibende Arbeiten.

Sehr geehrter Herr Prof. Matzner, Sie kuratieren die aktuelle Ausstellung zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum in Paderborn – den TATORT PADERBORN Phänomen Fußgängerzone. Wie ist das so in Paderborn?

Ich mag mittelgroße Städte wie Paderborn: Die Stadt hat eine überschaubare urbane Struktur, der Projektpartner, die städtische Ausstellungsgesellschaft, unter der Leitung meines Kollegen Christoph Gockel-Böhner hat eine ebenfalls übersichtliche Organisationsstruktur, die Wege zu den zuständigen Ämtern und Referaten sind kurz, man kann sich schnell persönlich zu einem Ortstermin treffen – die besten Voraussetzungen also, um ein doch recht kompliziertes Ausstellungsprojekt fristgerecht und perfekt zur Eröffnung zu präsentieren.

Paderborn hat nach außen mit einem schweren Image zu kämpfen. Wie war ihr erster Eindruck von der Stadt? 

Ich habe in den 1990er-Jahren in Münster, also in Paderborns „Gegenstück“, gelebt und gearbeitet: Konservatismus, Provinzialität, Katholizismus, das sind (Vor)Urteile, die ich auch aus Münster kenne. Aber eigentlich ist es egal, welches Parteibuch jemand hat, die Frage ist eher, wie offen und tolerant er oder sie gegenüber aktueller Kunst ist – dazu im Stadtraum! –  wie offen jemand für Experimente ist, wie offen die Stadt, ihre Politik und ihre Verwaltung, vor allem aber ihre Bevölkerung gegenüber so einem Ausstellungsprojekt ist.

Welche Art von Kunst gibt es beim TATORT zu sehen?

Es gibt natürlich die „klassischen“ skulpturalen Setzungen eines Huang Yong Ping im öffentlichen Raum, wir haben aber vor allem auf Interventionen gesetzt, die einen prozessualen, performativen Charakter haben: Schönes Beispiel ist hier die „Vergoldungsaktion“ von Verena Seibt und Clea Stracke oder auch der paradiesisch anmutende, inzwischen zugewachsene Garten aus Nutzpflanzen und Heilkräutern, den die Ooze Architects angelegt haben und der inzwischen Anlass zu zahlreichen Veranstaltungen und Initiativen geboten hat: An so einem Projekt merkt man, dass man mit Kunst auch das Bewusstsein der Bevölkerung aktivieren und schärfen kann.

Wie kam die Mischung von KünstlerInnen zu Stande? 

Wir haben hier in Paderborn nicht mit dem System eines Wettbewerbs gearbeitet, an dem sich Künstler beteiligen können und dann eine Jury die Auswahl macht, sondern wir sind nach dem Intendantensystem vorgegangen, das heißt, dass ich als künstlerischer Leiter eine Vorschlagsliste erarbeitet habe und diese dann in der Ausstellungsgesellschaft diskutiert worden ist: Grundsätzlich ging es mir darum, möglichst unterschiedliche künstlerische Positionen miteinander zu vereinen, damit eine heterogene, interessante, abwechslungsreiche Ausstellung zu Stande kommt, die immer wieder neu für Überraschungen sorgt!

Mit der Fußgängerzone wählen Sie ein Thema aus, welches typisch deutsch ist. Was ist phänomenal an einer Fußgängerzone?

In Kassel ist ja 1953 die erste Fußgängerzone in Deutschland „eingeweiht“ worden. Seitdem sind bis in die späten 1970er Jahre hinein fast alle deutschen Innenstädte zu Fußgängerzonen umgebaut worden: Wichtig ist, dass die jahrhundert alte Symbiose von Wohnen, Arbeiten und Freizeit in den FUZO’s sozusagen auseinander dividiert worden ist, da diese Zonen nach ausschließlich ökonomischen Gesichtspunkten organisiert sind.

Hat Paderborn aus Sicht der Kunst eine besonders typische, exemplarische Fußgängerzone?

Ja – absolut! Wichtig ist aber auch, dass das System der 70er und 80er Jahre nicht mehr funktioniert: Outlet-Zentren außerhalb der Stadt, Internet-Shopping, steigende Mieten führen dazu, dass der Einzelhandel durch Kaufhaus- und Restaurantketten ersetzt wird und dass wir – auch in Paderborn – einen zunehmenden Leerstand beobachten können: Ein „trading down“, wie das die Fachleute nennen und das sich ja das Künstlerduo M+M explizit zum Austragungsort seiner Filminstallation ausgewählt hat [am Königsplatz, Anm. d. Red.].

Die Fußgängerzone ist ein Kreuzungspunkt mehrerer Disziplinen – Architektur, Soziologie, Stadtplanung. Was können die anderen Bereiche von der Kunst am TATORT lernen?

Ich glaube, dass wir mit unserem Kunstprojekt Fragen stellen können, leise Fragen, aber auch laute provokative Fragen wie das trashige Monument auf das Stadtmobiliar von Markus Ambach. Diese durch die Künstler in und mit ihren Kunstwerken gestellten Fragen müssen andere aufgreifen und beantworten: Vor allem die Bewohner der Stadt, aber eben auch Architekten, Stadtplaner und Soziologen.

Was werden Sie von Paderborn mitnehmen, wenn der TATORT zu Ende ist?

…dass das oben von Ihnen erwähnte „schwere Image“ Paderborns mit den von mir erwähnten Vorurteilen eigentlich nichts wert ist und dass man Dinge einfach nur tun muss, wenn man etwas bewegen will…

Und was kann die Stadt vom TATORT mitnehmen? 

…Innenstadt aufwerten, nicht alles dem Konsum und dem Kommerz unterordnen, den öffentlichen Raum stärken und der Öffentlichkeit zurückgeben, Lebensqualität vor Turbokapitalismus… hört sich vielleicht links an, ist aber eigentlich ziemlich konservativ…

Was wünschen Sie Paderborn für die Zukunft?

…dass die Politik offensichtlichen Immobilienspekulation wie die leerstehende, zugepinkelte und immer mehr heruntergekommene Fußgängerpassage zwischen dem kleinen Königsplatz und dem Marienplatz endlich Einhalt gebietet! … und 2. dass der geplante Umbau des Königsplatzes architektonisch, stadtplanerisch und ästhetisch gelungener wird also der jetzige Bestand!… last but not least 3. dass Kunst im öffentlichen Raum vielleicht in Zukunft einen größeren und regelmäßigeren Stellenwert in der Stadtstruktur Paderborns spielen wird…