CINCOCUESTIONES // Roland Gruber, LandLuft (AT)

Roland Gruber Roland Gruber ist selbständiger Architekt mit seinem Büro nonconform architektur vor ort in Kärnten und Wien in Österreich. Er ist Mitinitiator von LandLuft, dieser Verein hat es  sich zum Ziel gesetzt, die Baukultur auf dem Land besonders zu fördern. In Deutschland hat er für den BBSR 2013 die Studie Baukultur in ländlichen Räumen erarbeitet. Aktuell begleitet er mit weiteren Akteuren das Projekt Baukultur KONKRET, ein Interventionsprogramm des Bundes für den ländlichen Raum.

Sehr geehrter Herr Gruber, was verstehen Sie unter Baukultur?

Baukultur ist viel mehr als nur Bauen. Baukultur besteht nicht nur aus fertiggestellten Bauwerken, sondern aus einer Vielzahl von Faktoren, die unseren Lebensraum in seiner Qualität beeinflussen können. Baukultur umfasst soziale, ökologische und gestalterische Fragestellungen, von der Lebensqualität eines Ortes bis zur Bodenpolitik oder der Organisation der Mobilität. Baukultur hat demnach einen universellen Anspruch, weil sie über die handwerkliche und formale Ebene der Architektur weit hinausreicht, weil zwangsläufig mit dem Begriff „Kultur“ auch soziale, geschichtliche und wirtschaftliche Aspekte verbunden sind. Ein weiterer wesentlicher Faktor berührt das Thema Verantwortung. Eine Kulturleistung wie das Bauen, lässt sich nicht alleine an Experten delegieren – gesamtgesellschaftliche Verantwortung macht Baukultur erst zu dem, was sie Kraft ihrer Definition sein sollte – eine Kulturleistung. Dieser ganzheitliche und breit angelegte Blickwinkel auf das Bauen bestimmt sowohl die Vision als auch die konkrete Vermittlungs- und Vernetzungsarbeit von uns, die unter dem Motto „Baukultur machen Menschen wie du und ich!“ althergebrachte Positionen und Rollen im kommunalen Baugeschehen aufbricht.

Was ist der USP (Unique Selling Point) von Baukultur?

Wenn sich bei einer kommunalen Bauaufgabe nur die Baumaschinen bewegen, läuft im Dorf politisch etwas falsch!“sagt Klaus Unterweger, Bürgermeister Kals am Großglockner. Was er seinen Bürgermeisterkollegen ins politische Stammbuch schreibt, hat etwas mit politischem Instinkt, gelebter Demokratie, engagierten Gemeindebürgern und – das ist das Schöne daran – mit Baukultur zu tun. Trotz des Sparzwanges der letzten Jahre zählen die Kommunen immer noch zu den größten Bauherren im Land, kaum ein gemeindepolitisches Thema mündet nicht über kurz oder lang in eine konkrete Bauaufgabe. Von der Gestaltung zeitgemäßer Bushaltestellen über die Belebung von öffentlichen Räumen bis hin zu Sanierungen oder Neubauten reicht die Palette. Von wenigen Zehntausend bis zu Millionen Euros reichen dabei die Budgets. Wenn politische Entscheidungsträger heute noch glauben, Geld für kommunale Bauaufgaben sei eine Sache zwischen Baufirmen und Gemeindeverwaltung allein, schaden sie nicht nur der positiven Entwicklung ihres Heimatortes, sondern in noch viel stärkerem Maße ihrer eigenen politischen Laufbahn. Das Ziel von Baumaßnahmen ist es in der Regel, bestimmte Aufgabenstellungen zu erfüllen. Doch der Weg dorthin ist mit viel Entwicklungspotenzial und positiver Energie für den eigenen Ort „gepflastert“, sofern man Gemeindebürger von Beginn an in den Entstehungsprozess miteinbezieht. Baumaschinen allein bringen keinerlei Leben in die Dörfer. Gefragt sind daher Projekte, die mit dem Baubudget auch einen maximalen Effekt auf die Gemeinschaft der Gemeindebürger erzielen und nicht nur pragmatisch die Bagger auffahren lassen und die Kubikmeter Beton verarbeiten. Und Baukultur ist daher viel mehr als nur Bauen.

Wie kann Baukultur entstehen?

„Jede Gemeinde steht vor der Grundsatzfrage: Bauen wir, um ein Raumprogramm ,abzuspulen’ oder wollen wir mit dieser Investition im Dorf oder in der Region gemeinsam mit den Bürgern zusätzlich etwas bewegen, “ so Josef Mathis, Bürgermeister von Zwischenwasser, über seine Beweggründe, auf Baukultur zu setzen. Bauen bietet die Chance auf einen intensiven Austausch mit den Akteuren vor Ort, mit den unmittelbaren Nutzerinnen und Nutzern. Dabei spielt das Ehrenamt eine große Rolle: Manche kommunalen Bauprojekte wären ohne den Einsatz engagierter Bürger nie begonnen worden oder nicht umsetzbar gewesen. Die Identifikation mit dem eigenen Ort ist in der Regel höher und bauliche Veränderungen werden daher gerade in kleinen Gemeinden sehr viel stärker wahrgenommen als im urbanen Kontext und sind daher sehr emotional besetzt. Kommunen profitieren vom Mobilisierungspotenzial, das Bauaufgaben mit sich bringen. Bürgernähe ist ein angenehmer Nebeneffekt, prozesshaftes Arbeiten unter Beteiligung der Bürger führt auch vielfach zu deutlich besseren Lösungsansätzen. Im Zeitalter der Politikverdrossenheit ein überaus geeignetes Mittel für Bürgermeister, die eigenen Bürger „hinter dem Ofen“ hervor zu holen. Wo sonst hat man die Mittel, Menschen an Entscheidungen und Entwicklungen in ihrem unmittelbaren Umfeld mitwirken zu lassen, bei denen es um etwas geht, als bei Bauaufgaben.  Und das gemeinsame Ziel ist immer der schönste gemeinsame Nenner, nicht der Kleinste!

Wie kann Baukultur in Zeiten des Klimawandels unsere Welt besser machen?

Kultur orientiert sich nach vorne, in die Zukunft. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie Neues schafft und auf der Höhe der Zeit agiert. Lebendige Gemeinden entwickeln sich nach den vielfältigen Bedürfnissen ihrer Bewohner. Der Gedanke des Bewahrens allein ist in diesem Zusammenhang nicht zielführend, zumal museumsartige Orte im Regelfall einen schlechten Nährboden für zukunftsfähige Entwicklung einer Gemeinschaft darstellen. Wo keine Entwicklung möglich ist, Regeln sich nur noch darum kümmern, dass alles so bleibt, wie es ist, will keiner bleiben. Man zieht weg, dorthin, wo scheinbar alles möglich ist. Es geht nicht darum, alles niederzureißen. Die Kunst liegt hier wie überall in der Balance zwischen einem Bewahren mit Augenmaß und einem Ermöglichen von Neuem. Wir plädieren für eine Kultur des Bauens, die Menschen mit ihren Bedürfnissen genauso einbindet wie Planer oder Entscheidungsträger. Und wir plädieren für ein Denken in Zusammenhängen mit Blick auf die gesamte Entwicklung einer Gemeinde. Ein Beispiel: Wenn ein Gemeindeamt nicht mehr nur Amtshaus, sondern gleichzeitig Jugendtreff, Versammlungsort für Bürger, Standplatz für den wöchentlich stattfindenden Bauernladen sowie ein fußläufig erschlossener Bereich mit hoher Aufenthaltsqualität ist, dann ist man dem Zukunfts-Ideal schon sehr nahe, weil die Lebensqualität vor Ort wieder gegeben ist. Wenn dann die Planung in Abstimmung mit sämtlichen Vereinen im Ort, mit den Jugendlichen, den Wirtschaftstreibenden oder den Bauern erfolgt ist, dann sollte das Fundament dafür gelegt sein, dass der Baukultur-Funke auch auf andere Projekte im privaten bzw. öffentlichen Bereich überspringt. Das ist gelebte Nachhaltigkeit.

Wie ist Ihre Vision von einem Ort, in dem Baukultur gelebt und umgesetzt wird?

„Wer das Thema Baukultur oder besser Bauen im Dorf anhand von konkreten Projekten mit den Bürgern erarbeitet, hebt die Qualität der Lösungsansätze für kommunale Aufgaben auf ein deutlich höheres Niveau. Akzeptanzprobleme entstehen erst gar nicht. Das Dorf profitiert ganzheitlich,“ sagt Helmut Wallner, Bürgermeister von Hinterstoder. Folgende Strategien bewirken nicht nur eine Verbesserung und nachhaltige Stärkung der Baukultur, sondern stehen für eine neue politische Kultur in den Dörfern, von der auch die politischen Akteure in puncto Akzeptanz deutlich profitieren: Beteiligungskultur leben: Die Bürgerbeteiligung als Schlüssel

  1. Beteiligungskultur leben: Die Bürgerbeteiligung als Schlüssel
  1. Kommunale Profilschärfung: Die strategische Zukunftsentwicklung schärft das Profil einer Gemeinde und erhöht die Chance auf Baukultur
  1. Kompetente Bauverwaltung: Mehr Kompetenz in der Bauverwaltung und in der Beratung vor Ort
  1. Architekt vor Ort: Die Planerinnen und Planer sind wichtige Partner für Baukultur in ländlichen Gemeinden
  1. Neue Wettbewerbsverfahren: Angemessene Ideenfindungsverfahren braucht das Land
  1. Universitäten einbeziehen: An der Beantwortung der Zukunftsfragen des ländlichen Raumes sollen auch Universitäten mitwirken
  1. Zentrumsstärkung: Die Stärkung der Orts- und Stadtzentren fördert die Baukultur-Sensibilisierung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es bei der künftigen Baukultur-Entwicklung im ländlichen Raum um eine Kultur des Bauens geht, die Menschen mit ihren Bedürfnissen genauso einbindet wie Planerinnen und Planer oder Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger. Es geht um eine Kultur, in der in Zusammenhängen gedacht und die positive Entwicklung des Dorfes und der Gemeinde als Ganzes nicht aus den Augen verloren wird. Je länger diese Prozesse laufen, umso selbstverständlicher wird nicht nur der Qualitätsanspruch bei den Verantwortlichen in den Kommunen sowie bei den Bürgerinnen und Bürgern, sondern es steigt auch deren Motivation die positiv erlebte Entwicklung im Dorf weiter voranzutreiben. Darin liegt der wahrhaft politischer Weitblick , den Bürgermeister Klaus Unterweger in seinem Statement (siehe zweite Frage) an den Tag legt.