CINCOCUESTIONES // Tim Rieniets, StadtBauKultur NRW

Für die zweite ‚Ausgabe‘ der fünf Fragen zur Baukultur konnte ich Tim Rieniets gewinnen.

Tim Rieniets

Tim Rieniets ist Geschäftsführer der zweiten Dekade der Landesinitiative StadtBauKultur NRW. Ausgebildet als Architekt hat er sich in seinem beruflichen Werdegang der Erforschung, Vermittlung und Diskussion zeitgenössischer Fragen in Architektur und Städtebau gewidmet. In diesem Tätigkeitsfeld engagierte er sich als freiberuflicher Kurator und Publizist, sowie als Gastprofessor an der TU München und als Dozent an der ETH Zürich. Er war an Forschungs- und Ausstellungsprojekten im In- und Ausland beteiligt und ist Herausgeber mehrerer Fachbücher.

Sehr geehrter Herr Rieniets, was verstehen Sie unter Baukultur?

Versuchen wir es mit einem Vergleich: Jeder kann etwas mit dem Begriff Esskultur anfangen. Es ist die besondere Art und Weise einer Gesellschaft sich zu ernähren. Esskultur ist regional unterschiedlich (italienische, französische, japanische Küche usw.) und sie ist von unterschiedlicher Qualität (fast Food, Slow Food, Hausmannskost, Haute Cuisine usw.). Das zentrale Gut einer Esskultur sind ihre typischen Speisen. Aber Esskultur umfasst noch viel mehr: Die Herstellung und Verarbeitung von Nahrungsmitteln, ihre Zubereitung, ihre Darreichung und die Art und Wiese, wie man sie zu sich nimmt. Ähnlich ist es mit der Baukultur. Ihr sichtbarer Ausdruck  sind die Gebäude, Straßen, Plätze und Infrastrukturen unserer Städte. Aber auch sie birgt viel mehr. Die Herstellung von Baustoffen, die Entwurfsprozesse von Architekten und die Entscheidungsprozesse in den Behörden, die handwerkliche Arbeit von Gewerken usw. usw. Auch Baukultur unterscheidet sich regionale und qualitativ. Und in noch einem Punkt ähnelt die Baukultur der Esskultur: Beide sind Grundlage für ein gutes und freudvolles Leben.

Was ist der USP (Unique Selling Point) von Baukultur?

Baukultur, wie sie oben skizziert worden ist, kann man nicht kaufen oder verkaufen. Sie ist einfach da. Darum hat Baukultur keinen Unique Selling Point, aber sie ist ein Unique Selling Point. Man denke beispielsweise an den Tourismus. Jahr für Jahr reisen Millionen von Menschen nach Paris, Amsterdam, New York oder in andere attraktive Städte, um dort die Bauwerke, die Urbanität oder das besondere Flair zu erleben. Diese Städte haben einen Unique Selling Point und der heißt: Baukultur.

Wie kann Baukultur entstehen?

Baukultur ist immer da, ob wir sie mögen oder nicht. Die Frage kann darum nicht lauten, wie Baukultur entstehen kann, sondern wie wir sie verbessern können, damit sie zu einer attraktiven und lebenswerten Umwelt beiträgt. Aber was ist die Antwort auf diese Frage? Die Antwort kann ganz unterschiedlich sein, je nach dem, woran es im konkreten Falle mangelt. Vielleicht bedarf es einer besseren Ausbildung von Architekten und Planern, vielleicht bedarf es mehr Qualität im Handwerk, oder vielleicht bedarf es der intensiveren Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern. Eines wird aber in jedem falle gebraucht: Das Bewusstsein aller für die Wichtigkeit einer attraktiven, nachhaltig und qualitätvoll gestalteten baulichen Umwelt.

Wie kann Baukultur in Zeiten des Klimawandels unsere Welt besser machen?

Alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft sind durchdrungen von übermäßigem Ressourcenbedarf, auch die Baukultur. Über Jahrzehnte hat sie unserem Bedürfnis nach mehr Komfort, Sicherheit und Privatheit gedient und gipfelte im tausendfach gebauten Einfamilienhaus am Stadtrand. Wärmedämmung und neue Haustechnik mögen da für Einsparungen sorgen, aber sie lösen nicht das Problem, dass unsere Baukultur zu viel Baustoffe, Energie und Landfläche verschlingt. Jedes Jahr werden 600 Millionen Tonnen Baustoffe in Deutschland verbaut und 200 Millionen Tonnen Bauschutt produziert. Aber gleichzeitig finden wir unsere Städte oft gesichtslos und geschichtslos. Wie passt das zusammen? In Zeiten des Klimawandels müssen wir wieder lernen, mit dem zu bauen, was wir haben: mit unserem städtischen Bestand. Auf diese Weise würden wir nicht nur Baustoffe und Fläche sparen, wir würden auch mit dem baulichen Erbe und den Erinnerungen unserer Städte sorgsamer umgehen.

Wie ist Ihre Vision von einem Ort, in dem Baukultur gelebt und umgesetzt wird?

Kommen wir zurück zum anfänglichen Vergleich: Ich wünsche mir einen Ort, an dem Baukultur in gleicherweise gelebt und geliebt wird, wie die Esskultur in Frankreich oder in Italien. Wo Baukultur für jeden eine Selbstverständlichkeit ist, ganz gleich Handwerker oder Architekt, ob Bauherr oder Beamter. Wo nicht die Baukosten oder der Name des Architekten entscheidend sind, sondern die Freude an der Sache.