Unsere Stadt soll kleiner werden

In Paderborn regt sich zur Zeit Widerstand gegen den Landesentwicklungsplan – von einer Verhinderung des Wachstums ist die Rede. Mit dem LEP soll auch in Paderborn eine Forderung umgesetzt werden, die eigentlich ein nationales Ziel ist: die grundsätzliche Verringerung der Flächenneunutzung durch Bebauung oder Erschließung. Momentan werden in Deutschland pro Tag (!) 74 ha neue Fläche verbraucht. Auf Grund des demografischen Wandels und einer zunehmenden Urbanisierung soll diese Fläche bis 2020 auf  30ha pro Tag gesenkt werden. Spezifisch in NRW hat sich 2006 die ‚Allianz für Fläche‚ einem Ziel von 5ha pro Tag verschrieben.

Für die Kommunen, deutlich sichtbar am Beispiel Paderborn, bedeutet dieses Ziel ein Paradigmenwechsel. Die Ausweisung von neuen Wohn- und Gewerbeflächen ist seit Jahrzehnten ein Faktor für Wachstum und Wohlstand der Stadt, meßbar und vor allem für jede/n Bürger/in sichtbar. Die neue Forderung heißt: Innen- vor Außenentwicklung. Dies bedeutet vor allem eine Neunutzung innerstädtischer Brachflächen, aber auch eine Nachverdichtung bestehender Wohn- und Gewerbeflächen.

Durch eine Flächenreduzierung werden mehrere Ziele verfolgt:

  • Klimaschutz: Verringerung der versiegelten Flächen
  • Demografie: Konzentration der Infrastruktur auf den städtischen Raum
  • Stärkung nachhaltiger Wohnformen (=Geschosswohnungsbau) im Vergleich zu engergieaufwändigem Wohnen (=Einfamilienhaus)
  • Verhinderung einer ‚Zwischenstadt‘ durch eine Perforierung der Stadtflächen aus genutzten und ungenutzen Gebieten. Darunter fällt auch der Donut-Effekt: Verwaisung der Innenstadt bei gleichzeitiger Ausweitung der Ränder.
  • Erhaltung der Zäsur von Stadt und Land, Schutz des Landschaftsbildes

Für (im Moment noch) wachsende Städte wie Paderborn ist die Argumentation schwer nachvollziehbar. Der Eindruck entsteht, die Ziele wurden für das Ruhrgebiet formuliert, wo viele Industriebrachen vorhanden sind. Dennoch gibt es auch in Paderborn noch viele Optionen einer Innenentwicklung.

Hierzu gehört die Verdichtung und Weiternutzung vorhandener Gewerbe- und Industriegebiete vor einer Ausweisung neuer Flächen genauso wie die Steigerung der Attraktivität des Geschosswohnungsbaus für Familien.

Hierzu gehört nicht nur der Wohnraum an sich, sondern auch gestaltete Stadträume, Gemeinschaftsgärten, attraktive Quartiere und Naherholungsgebiete, Schaffung von Nischen. Oft aber setzt das Baurecht, immer noch geprägt aus einer Zeit, in der man zu dichtes Wohnen vermeiden wollte, einer zusätzlichen Verdichtung Grenzen – wo ein Wille da ist, gibt es dann (noch) keinen Weg. Aber die Entwicklung – auch die nationale – ist auf Langfristigkeit ausgelegt.

Die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele fordert politisch eine neue Ausrichtung. Statt Bänder durchschneiden zu wollen muss es darum gehen, Richtlinien und Förderungen so zu ändern, dass eine Innenentwicklung möglich wird. Zusammenarbeit zwischen den Nachbargemeinden ist gefragt, um die konkurrierende Ausweisung von neuen Wohn- und Gewerbegebieten zu vermeiden. Wir BürgerInnen sollten umdenken – das Glück liegt nicht allein im neuen Einfamilienhaus. Es gibt kann auch schöne städtische Wohnsituationen geben, in der Gemeinschaft eine größere Rolle spielt, Wege kurz sind und Infrastruktur nah. Dies ist in Herbram-Wald nicht unbedingt gegeben. Ich liebe Herbram – aber es soll dort so schön bleiben, wie es ist, und eine weitere Neubausiedlung aus bonbonfarbenen Eigenheimen ist eben nicht überall eine Bereicherung.

Auch der Abzug der britischen Streitkräfte birgt große Chancen, die innerstädtische Wohnlandschaft nachzuverdichten, ohne an den Rändern weiter auszufransen. Kreativität und Sportsgeist statt dem Ruf nach einer Ausnahmeregelung ist gefragt. Paderborn sollte die Gelegenheit zum Wandel nutzen und mit neuen Lösungen die Stadt bereichern und die Aufenthaltsqualität weiter erhöhen. Vorbilder gibt es auf nationaler Ebene viele – und in dicht bewohnten Städten ist immer etwas los.

Weitere Informationen unter Nachhaltigkeitstagung NRW