the limited set. Selbstbild der Architekten im Wandel

Gedanken zum Bild des Architekten im Nachgang zur Konferenz UmBauKultur der Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020 vom 24. Januar 2014.

Was möglich ist, ist es noch lange nicht gut für die Welt. Neben der vielfältigen Sachdiskussion zum Thema Umbauen leuchtete in der Konferenz für UmBauKultur der Landesinitiative StadtBauKultur immer wieder die Frage auf nach dem Selbstverständnis des Architekten im Wandel eines sich ändernden Aufgabenfeldes vom neu bauen zum umbauen. Gelingt es uns, diese Generationenaufgabe nicht nur als Bürde, sondern als Chance aufzufassen? Und ist die Frage angesichts der erdrückenden Prognosen zu Klimawandel und Ressourcenknappheit überhaupt angemessen? Zur Disposition steht nicht weniger als das in der Moderne geprägte Selbstbildnis der Architekten.

Der Umgang mit Bestand ist für viele Kollegen und Kolleginnen* immer noch ein ungeliebtes, notwendiges Thema, dem sie sich zähneknirschend widmen. „Der Umbau ist die Standardkondition, und wird somit zur zentralen Aufgabe des Architekten.“, so ein wesentliches Statement von Prof. Christoph Grafe aus der Konferenz. Was tun mit verlassenen Gebäuden, die durch die demografische Entwicklung täglich mehr werden? Zu den schon gewohnten Großwohnsiedlungen Ostdeutschlands kommen nun noch Shopping-Malls, Gewerbegebiete und Kirchen, die wieder in die Stadt integriert werden wollen. Dazu wird in der Debatte um Ressourcen immer deutlicher, dass der Neubau nun mit Abstand die am wenigsten nachhaltigste Art zu bauen ist, rechnet man die Herstellungskosten der Gebäude mit ein. Die Einbeziehung externer Kosten in die Bepreisung von Gütern ist zukünftig alles andere als unwahrscheinlich. Nur unsere gelernten und verinnerlichten Ansichten hängen nach. Neu = besser, diese Gleichung ist immer noch common sense unter Bauherren und Architektinnen. Muck Petzet fasste es treffend zusammen: „Wir haben ein schlechtes Gewissen, eine Dose wegzuwerfen – gleichzeitig entschließen wir uns mit einem Schulterzucken für den Abriss der 50er-Jahre Siedlung.“ Petzet ruft die Architektenschaft auf zum Abschied von dem Gedanken, das Vorhandene müsse ‚anders werden’. Dieses Gedankengut der Moderne hat zu viel Abriss und Neubau geführt – aber eben auch zu der Haltung, der Neubau ist die einzig wahre Leistung des Architekten. Der Umgang mit dem Bestand dagegen erregt eher Unmut. Petzet hierzu: „Wer die Dinge nicht liebt, kann als Architekt auch nichts gutes damit machen.“

Projekte wie von Lacaton Vassal hinterlassen uns nachdenklich. Wo bleibt eigentlich unser eigener Gestaltungsspielraum, wenn der geringste Eingriff neuerdings der beste ist? Wo können wir uns noch selbst verwirklichen, wenn das proklamierte Ergebnis, wie bei der Gestaltung ihres Place Léon Auroc in Bordeaux heißt: wir verändern nichts – und stecken das Budget in die Pflege des Platzes? Uns dämmert, dass es so nicht weitergehen kann. Die schon 1972 proklamierten ‚Grenzen des Wachstums’1 sind am Horizont bereits in Sicht. Mit dabei die Bauwirtschaft, in der 50% aller Abfälle produziert werden – im letzten Jahrzehnt in Deutschland vermehrt durch die Produktion von staatlich gefördertem Sondermüll. Tom Emerson postulierte auf der Konferenz: „Our set is limited.“ – die zur Verfügung stehenden Mittel sind begrenzt.

Umbaukanditat: Das Rathaus von Arnsberg-Neheim / Foto: Karin Hartmann

Umbaukanditat: Das Rathaus von Arnsberg-Neheim / Foto: Karin Hartmann

Welches Selbstverständnis erfolgt daraus für unseren Berufsstand? Wir müssen uns verabschieden vom Idol des Star-Architekten, Petzet bezeichnete dieses gar als „tödliche Vision“.  Mit Verlaub – wir kämpfen um die Anerkennung kultiger 70er-Jahre Bauwerke als Denkmal, vertreten aber, von der Ausbildung an den Hochschulen unterstützt, ein fast hundert Jahre altes Berufsbild, welches in einer gänzlich anderen Zeit, vor allem aber in einem längst vergangenen Gesellschaftsbild beheimatet war. Eine Gesellschaft, in der Ärzte weiß trugen und Architekten schwarz, in der beide mit dem gleichen Respekt behandelt wurden und unkritisierbar waren. Mittlerweile hat der Berufsstand eine Entwicklung genommen. Wir mussten viel dazulernen und einige Aufgabenbereiche wurden uns von benachbarten Berufsfeldern abgenommen. Ist das Berufsbild des Entwurfsarchitekten untrennbarer Teil unserer beruflichen Identität geworden – die letzte Bastion, die uns keiner nehmen kann? Oder ist es an der Zeit, dass wir uns in der 4. Generation nach Le Corbusier emanzipieren und uns endlich ein differenziertes, eigenes Image geben? Aber wie kann diese immense Aufgabe der Gestaltung und Erhaltung von Bestandsbauten dazu beitragen, dass wir uns neu ausrichten, ohne Identität einzubüßen?

Vielleicht ist es sinnvoll, selbst an den Stadtführungen teilzunehmen, die wir sonst geben. Nicht aber, um von Highlight zu Highlight zu rauschen, sondern eher im Sinne des Flaneurs Franz Hessel2 die Welt beim Spazierengehen neu zu entdecken. Die von ihm zuerst praktizierte und heute viel beachtete ‚Spaziergangswissenschaft’3 könnte ein Weg sein, Städte von Grund auf neu anzuschauen, um mit dem Blick des Suchenden Potenziale auszumachen, Ensemble zu verstehen und Materialien zu achten.

Auch Turit Fröbe hat mit ihrem ‚liebevollen Blick’ auf die Bausünden unserer Zeit4 eine einfach Möglichkeit entdeckt, mit dem Bestehenden gut und ressourcensparend umzugehen. Allein ein Blickwechsel kann bewirken, die Potenziale der Ungetümer der  60er bis 80er Jahre auszumachen. Mit der Akzeptanz des Bestandes finden wir zurück zu einer lebendigen Stadt, in der jedes Baualter seine Berechtigung hat und wir eröffnen uns die Möglichkeit den Bestand zu bespielen, anstatt ihn zu verteufeln. Harald Welzers schöner Gedanke der ‚Vorerinnerung’5 könnte ebenso hilfreich sein auf der Suche nach einem Update unserer Rolle. Indem wir uns fragen, welchen Beitrag wir als Architekten in Zukunft geleistet haben wollen, zur Entwicklung der Baukultur in Zeiten des Klimawandels, oder zur Verschönerung Welt bekommen wir unsere eigenen Antworten.

Verwaltungsbau, irgendwo in Deutschland.

Verwaltungsbau, irgendwo in Deutschland.

Zurück zur Konferenz. Workshops und Reden boten ebenfalls einige Impulse. Folke Köbberling schafft das Bild vom Architekten als Collector von Bauteilen. Gesäubert und in Regale eingelagert erhalten sie eine neue Wertigkeit – bereit für einen neuen Einsatz. Tom Emerson versteht sich als Bricoleur, der mit dem Vorgefundenen arbeitet, es ergänzt und so selbst zum Szeneschreiber für einen Zeitabschnitt der Geschichte des Hauses wird. Jos de Krieger überlegt, wie man mit bereits produzierten Gütern den geforderten Nutzungszweck schon erfüllen kann. Alle vorgestellten Akteure haben eines gemeinsam. Sie arbeiten mit dem ‚limited set’. Lösungen mit einer Wieder- und Weiterverwendung von Materialien werden erst möglich, wenn Zeit ist, Dinge zu sichten, zu sortieren und zu schätzen. „Time is becoming a new element in work“, so Tom Emerson. Er zieht den Vergleich zum gardener, der einen Prozess gestaltet, deren Ende er nicht kennt.

Eine Auseinandersetzung mit dem Gebauten mit dem Ziel der Vitalisierung zwingt uns dazu, die Entwürfe unserer Vorgänger zu begreifen. Uns selbst und die von uns geschaffene (Umbau-)Architektur holen wir so aus einer Geschichtslosigkeit. Wir dürfen wieder anknüpfen an den Kontext, an die alte Kulturpraxis des Umbauens. Gleichzeitig verabschieden wir uns weise vom Super-Kapitalismus und machen uns auf in eine nachhaltigere Zukunft, in der globale Probleme nicht (allein) durch Technik zu lösen versucht werden, sondern durch Weiterbauen und eine intensives Wiederbenutzen des Bestandes. Analog zur gesellschaftlichen Entwicklung einer Kultur des Besitzens zur einer Kultur des Nutzens darf sich auch die Baukultur wandeln.

Unser ‚Set’ ist längst limitiert – die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Vielleicht können die Welt auch schöner machen, indem wir sie ‚schöner lassen’.

1  MEADOWS, Dennis und Donella: Die Grenzen des Wachstums, Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, DVA 1972

2 HESSEL, Franz: Ein Flaneur in Berlin, Das Arsenal 2011

3 WEISSHAAR, Bertram: Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate der Fortbewegung, Jovis 2013

4 FRÖBE, Turit: Die Kunst der Bausünde, Quadriga 2013

5 WELZER, Harald: Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand, Fischer 2013

* Ich bin ein Fan von weiblichen Berufsbezeichnungen, aber auch von flüssigem Text. Daher nenne ich weibliche Berufsangehörige so oft wie möglich. Inhaltlich sind immer Menschen aller Geschlechter gemeint, auch wenn dies nicht extra erwähnt ist.