Beitrag bKULT / Selberbauen – Ein Trend auch in der Architektur?

„Ist der Selbstbau der neue Soziale Wohnungsbau?“ 

Mit dieser Frage geht die aktuelle Debatte der bKULT-Redaktion der Bundesstiftung Baukultur der Frage nach, inwieweit der Trend zum Selbstbau ein Trend innerhalb des Sozialen Wohnungsbaus werden könnte. Beispiele der IBA Hamburg weisen in diese Richtung, aber auch die große Beachtung der Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum Berlin, Neue Bescheidenheit – Architektur in Zeiten der Verknappung zeugen von der hohen  Aktualität des Themas. Meiner Meinung nach ist der Trend nicht auf den Sozialen Wohnungsbau beschränkt, sondern zeichnet sich für mehrere Bereiche der Architektur und Stadtentwicklung ab. Hier mein Beitrag zur Debatte:

Aktuelle Tendenzen, Teile des Bauens zum Selbermachen frei zu geben entstehen nicht unbedingt aus einer sozialen Notwendigkeit, sondern aus dem Wunsch der Beteiligten nach Partizipation.

Die DIY-Welle, die seit einigen Jahren das Land ergreift, funktioniert weitgehend unabhängig vom sozialen Status. Motivation für das Gestalten mit eigenen Händen und Fähigkeiten ist die eigene Auseinandersetzung mit den Dingen, und die damit einhergehende Selbstwirksamkeit, oft unterstützt durch eine starke Community von Gleichgesinnten.

Der Trend versteht sich als Gegenbewegung zum Konsumismus und Individualismus und ordnet sich ein in die Nachhaltigkeitsdiskussion. Eine längere Nutzung von Gütern, Reparieren und Tauschen folgen dem Wunsch, die Dinge im wahren Sinn wieder mehr ‚in die Hand zu nehmen’. Es ist absehbar, dass unsere Ressourcen nicht ausreichen, um unseren Lebensstil in der vom Kapitalismus vorschlagenden Weise fortzuführen. Außerdem wächst die Erkenntnis, dass uns dieser Lebensstil nicht zufrieden macht.

Das Bauen verursacht immer noch 50% unserer gesamten Abfälle. In DIY-Projekten werden mehr gebrauchte Stoffe und Materialien verwendet. Durch die oft gegebene Rückbaubarkeit bleibt das System flexibler, damit wird weniger Müll verursacht. Selberbauen, Upcyceln und Wiederverwenden schaffen eine größere Identifikation und Zufriedenheit mit Gütern – und nun eben auch mit Häusern, Wohnungen und Stadtvierteln.

Für die Architektenschaft fordert diese Entwicklung neue Eigenschaften. Während die meisten von uns noch zu Entwerfer/innen mit Gestaltungshoheit geschult wurden, geht es hier darum, den Gestaltungswillen der Nutzer/innen nicht nur zur Not zu akzeptieren, sondern zu wünschen, zu fördern und zu moderieren. Während wir unsere fertigen Bauprojekte tunlichst fotografieren, bevor Nutzer/innen einziehen, werden farbige Sonnenschutzrollos, Blumenampeln und wilder Balkonsichtschutz zu zentralen Gestaltungselementen. Das waren sie schon immer – die eigene Gestaltung der Bürger/innen bekommt aber durch eine Beteiligung auf Augenhöhe eine ganz neue Relevanz. Projekte von Lacaton & Vassal, aber auch von BeL greifen diese Bedürfnisse auf.

Selberbauen greift in allen Maßstäben – von der individuellen Füllung einer Rohbauhülle über die eigene Entwicklung von Stadtvierteln bis hin zum Bau von eigenen Möbeln. Dieser Trend hat das Zeug, zu einer eigenen, ernst zu nehmenden Strömung in der Architektur und Baukultur zu werden, nicht nur im Sozialen Wohnungsbau.