Die Stadtdenker*: Ein Nachruf

wigepapabo_arosaWas haben die Stadtdenker* uns hinterlassen?

Stadtgeschichte eingeordnet. Zum Beispiel die Königsplätze. Das „Königsplatz bashing“, ein bis vor Kurzem ganz gängiger Vorgang in Paderborn, ist seit letzter Woche politisch nicht mehr korrekt. Die Stadtdenker haben dazu beigetragen, den Komplex wieder in die Stadtgeschichte einzuordnen. Und zwar nicht als Bausünde, sondern als Geste der (Groß-)Stadtgestaltung in ihrer Zeit. Eigentlich keine Neuigkeit, dennoch aber eine wichtige Erkenntnis, die uns vor Augen hält, dass auch wir „nur“ in unserer Zeit bauen, und eine Rückschau auf unsere Werke noch offen ist.

Dürfen ab jetzt die Komplexe Königsplatz und Neuer Platz nebeneinander stehen, selbstbewusst, als gleichberechtigte Zeitzeugen? Und gilt diese Erkenntnis auch für andere Bereiche der Stadt?

„Der liebevolle Blick“. Den Blick vom Alltagsweg heben und Schönheiten am Gewöhnlichen entdecken. Was zunächst klingt wie eine Art Zwangsoptimismus entpuppt sich als ein gutes Instrumentarium, das Vorhandene aller Facetten Wert zu schätzen und mit größerem Selbstbewusstsein auch die „Bausünden“ der Stadt wohlwollend zu betrachten. So kann Stadt wieder ganz werden.  Vielleicht wird auch der Ruf nach der nächsten gebauten „Einzigartigkeit“ etwas leiser. D. l. B. eröffnet Möglichkeiten, mit den schwierigen Ecken der Stadt zu arbeiten und ihr Potenzial zu nutzen, an statt sie zu verteufeln und zu verschweigen.

Turit Fröbe hat in Ihrer Abschlussrede zwei Empfehlungen gegeben. Eine davon ist, die temporär aufgesprühten Lieblingsorte der Paderborner/innen dauerhaft zu markieren.

Dieses Alleinstellungsmerkmal könnte die Stadt sehr gut gebrauchen. Nicht nur wegen des versprochenen Pionierstatus. Die Aktion transportiert viel mehr: Jeder „Lieblingsort“ setzt ein kleines Denkmal, sei es dem ersten Kuss, einer Lebens bestimmenden Erkenntnis oder einfach einem geliebten Platz.

Eine sehr anziehende, bürgernahe Aktion und eine eigenständige, poetische Dokumentation von Baukultur.

Die zweite Empfehlung ist die Nutzung des lokalen, kreativen Potenzials. In der Tat wäre es wünschenswert, die Kräfte vor Ort mehr zu bündeln und seitens der Stadt zu unterstützen. Als Netzwerk, durch Aktionen oder durch die Schaffung eines zentralen Ortes, wo alles zusammenlaufen kann.

Aber der Besuch der Stadtdenker hat uns auch gezeigt, dass auch der fremde Blick unentbehrlich ist, um über den Tellerrand zu schauen. Dieser Blick würde auch bei öffentlichen Projekten sehr gut tun. Mit der Einrichtung eines Gestaltungsbeirates, der öffentliche Bauvorhaben und Kunst am Bau begleitet, könnte beidem Rechnung getragen werden.

Die Aktionen der Stadtdenker als Teil des Modellvorhabens „Baukultur in der Praxis“ bieten Paderborn die Chance, den frischen Wind zu nutzen, um weitere Prozesse und Maßnahmen zur Baukultur zu initiieren –  mit dem Ziel, Baukultur fester in der Stadtkultur, und damit auch im Selbstverständnis der Stadt zu verankern!

Danke, liebe Stadtdenker!

* Die Stadtdenker, eine Gruppe von jungen Studierenden der Universität der Künste in Berlin, waren vom 05. – 11. Mai 2013 zu Gast in Paderborn. Sie haben sich in einem leerstehenden Laden am Marienplatz mit Zelt und Gaskocher einquartiert. Als Seminarinhalt des Faches Baugeschichte haben sie diese Stadt neu kennengelernt und mit unvoreingenommenen Blick und einer unermüdlichen Neugierde erkundet. Von Stadtspielen und ungewöhnliche Stadtführungen bis hin zur Umwandlung der Königsplätze in einen Wissenschafts- und Geschichtspark haben sie einige Aktionen gestartet, um Passanten einzubinden. Sie haben über hundert Sprühwerke auf dem Boden hinterlassen, mit denen Sie die Lieblingsorte der Paderborner/innen markiert haben. Ihr Ziel war es, mit den Bürgern und Bürgerinnen ins Gespräch zu kommen, um ihnen einen anderen, neuen Blick auf ihre Stadt zu zeigen.